Bis es kippt
Forscher:innen warnen schon seit Jahren: Wenn Insektenarten aussterben, hat das dramatische Folgen. Der Fotograf Claudius Schulze besuchte Insektenkundler in Krefeld, um das Aussterben sichtbar zu machen.
Sie sterben zu Tausenden, ganz leise: Insekten. Um diese Stille zu durchbrechen, hat der Künstler Claudius Schulze unter anderem Teile einer historischen Hummelsammlung fotografiert. Eines seiner Fotos zeigt einen Kasten, der rund 50 Hummelarten ausstellt. Mitglieder des Entomologischen Vereins Krefeld haben die Tiere zwischen 1885 und 1925 gesammelt.
Das Bild ist Teil eines Werkzyklus, der sich mit dem Artensterben, der Klimakrise und dem globalen Wandel auseinandersetzt. »Das sind Themen, die mich sehr beschäftigen«, sagt Schulze. »Aber sie sind abstrakt. Mit meinem Projekt will ich sie greifbarer machen.« So dokumentiert die Serie das Verhalten von Tieren, thematisiert bionische Entwicklungen und kreiert mithilfe einer Künstlichen Intelligenz neue Arten. In seinen Installationen baut Schulze zusammen mit einem Team aus Ingenieur:innen, Programmierer:innen und Designer:innen eine Brücke zwischen der analogen und digitalen Welt. Für seine Arbeit führt er Hintergrundgespräche, sortiert und verknüpft. Beispielsweise hat Schulze den Entomologischen Verein Krefeld besucht.

2017 hat dieser Verein die Welt schockiert: Zusammen mit Wissenschaftler:innen der Radboud-Universität Nijmegen in den Niederlanden und der britischen Universität Sussex haben die Krefelder Forschenden nachgewiesen, dass die Biomasse flugaktiver Insekten innerhalb von 27 Jahren um 76,7 Prozent abgenommen hatte.
»Was unsere Arbeit besonders macht, ist die Vergleichbarkeit im methodischen Design«, sagt Martin Sorg, Biologe und Vorstandsmitglied des Krefelder Vereins. »Beim Messen der Insektenbiomasse halten wir uns an ein standardisiertes Protokoll.« Das ermögliche, die vom Verein jahrelang gesammelten Proben auszuwerten und zu vergleichen.
Die ältesten Proben, die die Krefelder Wissenschaftler:innen für ihre Studie genutzt haben, stammen aus dem Jahr 1989. Ihre Malaisefallen – eine Art Zelt, in das die Insekten fliegen – stehen in deutschen Naturschutzgebieten. Im Schnitt leeren die Forschenden sie alle 11 Tage. Um die Insektenbiomasse zu bestimmen, haben die Beteiligten alle Proben gewogen. So beeinflusst zwar ein schwerer Käfer das Ergebnis stärker als viele leichte Fliegen. Doch gleichzeitig ermöglicht die Studie eine Aussage über tausende Arten und schafft es so, das Ausmaß der Biodiversitätskrise greifbar zu machen.
»Diese Krise wird unvorstellbare Folgen haben«, sagt Martin Sorg. »Ohne Insekten brechen ganze Biotope und Systeme zusammen. Und wenn ein Habitat kippt, ist das endgültig.«
Für viele der an Land lebenden Tiere sind Insekten Nahrungsgrundlage. Und auch bei der Versorgung von Menschen spielen sie eine große Rolle: Insekten machen den Boden fruchtbar und bestäuben Pflanzen. Martin Sorg sorgt sich um die irreversiblen Schäden: »Schwankungen in der Biomasse von Insekten lassen sich ausgleichen. Aber wenn einzelne Arten aussterben, sind das Schäden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können.«
Ein Problem: Weil zu wenige Insektenarten erfasst sind, ist es schwierig, den Schwund zu messen. In den nächsten Jahrzehnten, so das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2019, könnten 40 Prozent aller Insektenarten aussterben. Wie würde ein Hummelkasten, wie Claudius Schulze ihn fotografiert hat, nur aussehen, wenn man ihn in fünfzig Jahren nochmal neu bestücken würde?
Erschienen am 14. März 2024
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