Luis Calçada, wie hilft uns die Kunst, das Universum zu begreifen?

Wissenschaftliche Genauigkeit und Kreativität – das muss sich nicht widersprechen. Luis Calçada ist wissenschaftlicher Künstler und erklärt im Interview, wie er mit seinen Illustrationen und Animationen das Weltall greifbarer macht. 

Das Universum ist groß, und was da draußen geschieht, bleibt uns meist verborgen. Doch es gibt Menschen, die es sichtbar machen – Luis Calçada etwa. »Ich bin zwar wissenschaftlich ausgebildet als Physiker und Astronom«, sagt er über sich selbst, »aber inzwischen bin ich eher ein Künstler.« Für die Europäische Südsternwarte (ESO) in Garching bei München übersetzt er gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Kornmesser Rohdaten und Aufnahmen der Teleskope in Animationen oder Illustrationen.

Denn die funkelnden Bilder des Kosmos, die wir kennen, stammen oft nicht direkt von Teleskopen. Teleskope liefern zwar jede Menge Informationen, aber nicht alle lassen sich bildlich darstellen. Astronom:innen erhalten von ihren Geräten auch komplexe Beobachtungsdaten wie Temperatur, Größe, Geschwindigkeit und Entfernungen von Himmelskörpern. Der Job von Calçada und Kornmesser ist, möglichst viele dieser Daten mithilfe ihrer Visualisierungen für Nicht-Astronom:innen zu übersetzen – allerdings immer mit dem Anspruch, den physikalischen Gesetzen des Kosmos zu entsprechen.

Luis Calçada (links) und Martin Kornmesser bei ihrer Arbeit an der Europäischen Südsternwarte.

Luis Calçada stammt aus Portugal und studierte Astronomie an der Universität Porto. Schon während des Studiums begann er, Visualisierungen für das Planetarium Centro Multimeios in Espinho zu erstellen. Die nötigen Skills dafür brachte er sich selbst bei: Computeranimation zum Beispiel oder digitale Illustration – auch heute noch Grundvoraussetzungen für seine Arbeit bei der ESO.

Inzwischen arbeitet Calçada seit fast 20 Jahren für die ESO und visualisiert Himmelsobjekte – etwa Exoplaneten, auf denen es Eisen regnet. Inspiration für die bunten, beeindruckenden Bilder findet Calçada häufig in Science-Fiction-Filmen oder Videospielen – aber nur, soweit es die wissenschaftliche Genauigkeit nicht beeinträchtigt. Im Interview mit dem Science Notes Magazin berichtet Luis Calçada von seiner Arbeit als wissenschaftlicher Künstler.

Luis, wie genau sieht deine Arbeit aus?

Luis Calçada: Die Teleskope liefern uns ja ganz Erstaunliches. Aber leider sind das oft nur Spektren oder andere Arten von Daten, die visuell nicht sehr beeindruckend sind. In meinem Team verwandeln wir diese Daten zu Illustrationen oder Animationen. Ein gutes Beispiel ist der Einzelgänger-Planet, bei dem Astronom:innen zuletzt einen besonders großen Wachstumsschub entdeckt haben. Unser Ziel war dann, die gewonnenen Daten in eine eindrucksvolle Visualisierung für die Pressemitteilung zu übersetzen.

Dafür haben sich mein Kollege Martin Kornmesser und ich uns mit dem Autor:innenteam zusammengesetzt. Wir sind gemeinsam weitere interessante Publikationen durchgegangen und haben allerlei Daten besprochen, die mit unseren Teleskopen gewonnen wurden. So haben wir identifiziert, was spannend zu visualisieren wäre und wie wir es umsetzen können. Fehlen für bestimmte Erkenntnisse Bilder von Teleskopen, überlegen wir, wie wir sie trotzdem darstellen können. Als Infografik? Als sehr genaue Simulation? Oder wollen wir eher eine abstrakte Illustration anfertigen? Unsere Entwürfe besprechen wir dann mit den beteiligten Wissenschaftler:innen. Sie geben uns Feedback und wir nähern uns gemeinsam einer Visualisierung der wissenschaftlichen Daten an.

Der Einzelgänger, der immer weiter wächst
Astronom:innen haben einen gewaltigen Wachstumsschub bei einem Rogue Planet – einem sogenannten Einzelgänger-Planeten – entdeckt. Im Gegensatz zu den Planeten in unserem Sonnensystem umkreisen solche Objekte keine Sterne, sondern treiben frei im All. Neue Beobachtungen mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte (ESO) zeigen, dass dieser freischwebende Planet Gas und Staub aus seiner Umgebung mit einer Rate von sechs Milliarden Tonnen pro Sekunde verschlingt. Dies ist die bislang stärkste Wachstumsrate, die je bei einem Einzelgänger-Planeten – oder überhaupt bei einem Planeten – gemessen wurde. Die Entdeckung liefert wertvolle Einblicke in die Entstehung und Entwicklung des Planeten.

 

Für die Visualisierungen bedarf es bestimmt beidem – wissenschaftlicher Expertise und Fantasie. Wie gut verträgt sich das?

Ich profitiere sehr davon, dass ich Astronomie studiert habe und das Wissen habe. Und es basiert natürlich auf der Realität, was wir tun – etwa, wie wir Farben auswählen. Aber oft gibt es in meinem Kopf einen kleinen Konflikt: Einerseits ist da der Wunsch, Bilder des Universums so realistisch wie möglich zu gestalten. Ich weiß, ob es irgendwo heiß oder kalt ist. Gleichzeitig muss ich kreativ sein, um auch Lai:innen verständlich zu machen, was da draußen passiert. Und natürlich neigen wir auch dazu, das Ganze ästhetisch ansprechend zu gestalten – innerhalb der physikalischen Möglichkeiten.

Doch nicht nur wir Künstler:innen müssen Kreativität besitzen, sondern auch die Astronom:innen. Sie arbeiten mit so wenig – sie haben nur ein kleines bisschen schwaches Licht. Sie verbessern ständig die Teleskope, erfinden neue Instrumente, erhöhen ihre Empfindlichkeit. Aber es ist immer noch dasselbe, was wir vom Himmel bekommen.

So arbeitet Luis Calçada
Das Video zeigt, wie der Künstler die Entdeckungen des Hubble-Teleskops in Visualisierungen verwandelt.

 

Deine Kunst kommuniziert Wissenschaft in den schönsten Farben. Ist das All tatsächlich so bunt und schön?

Meine Arbeit hat auch eine Schattenseite: Wir können potenziell auch ein falsches Bild davon schaffen, wie das Universum sein könnte. Denn unsere Illustrationen und Animationen sind farbenfroh und hell. In Echt wäre es da draußen aber vermutlich das Gegenteil: Würde ich dich zufällig an einem beliebigen Punkt im Universum aussetzen, wäre es da mit hoher Wahrscheinlichkeit stockdunkel. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir Bilder schaffen, die vielleicht nicht der Realität entsprechen, auch wenn das Phänomen, das wir darstellen, real ist. Es gibt also eine interessante Diskrepanz zwischen dem Bild von einem hellen, farbenfrohen Universum, das wir kreieren, und dem, wie es wirklich ist: zum größten Teil nur Leere und Dunkelheit.

Ein Weißer Zwerg mit Narbe
Diese künstlerische Darstellung zeigt den magnetischen Weißen Zwerg WD 0816-310, auf dessen Oberfläche Astronom:innen eine Art Narbe gefunden haben – vermutlich stammt sie von Planetentrümmern. Wenn sich Planeten oder Asteroiden dem Weißen Zwerg nähern, werden sie zerrissen und bilden eine Trümmerscheibe um den toten Stern. Ein Teil dieses Materials kann vom Weißen Zwerg verschlungen werden und Spuren bestimmter chemischer Elemente auf seiner Oberfläche hinterlassen. Mithilfe des Very Large Telescope entdeckten die Forschenden die hier abgebildete Narbe.

 

Wenn du es ganz knapp auf den Punkt bringen musst: Welchen Sinn erfüllen deine Illustrationen?

Das frage ich mich oft: Was wir eigentlich versuchen, zu tun. Versuchen wir, etwas zu erklären? Versuchen wir, die Fantasie der Menschen zu wecken? Die Neugier? Ich sehe es so: Wir öffnen eine Tür, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Astronomie zu lenken. Und wenn wir diese Aufmerksamkeit bekommen, sagen wir: »Schön, dass ihr hier seid. Lasst uns über andere Dinge sprechen.«

Der Planet, auf dem es Eisen regnet
Forscher:innen haben mithilfe des Very Large Telescope einen extremen Planeten beobachtet: Der ultraheiße Riesen-Exoplanet WASP-76b hat eine Tagseite, auf der die Temperaturen auf über 2.400 Grad Celsius steigen. Das ist hoch genug, dass Metalle verdampfen. Starke Winde tragen den Eisendampf dann zur kühleren Nachtseite, wo er zu Eisentröpfchen kondensiert und abregnet.

 

Helfen dir deine Visualisierungen dabei, das Universum auch selbst besser zu verstehen?

Wir machen aus abstrakten Daten bunte, auffällige, greifbare Visualisierungen. Dadurch erweitert sich mein eigenes Bild vom Universum ständig. Schön ist das aber auch für die Wissenschaftler:innen – denn die sind oft ganz versunken in ihre Daten. Diese Arbeit ist ein großes Privileg – immerhin mache ich die beiden Dinge, die ich am meisten liebe: Kunst und Wissenschaft. Das ist supercool.

Der schnellste Jetstream seiner Art
Astronom:innen haben extrem starke Winde entdeckt, die den Äquator des Riesen-Exoplaneten WASP-127b heimsuchen. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 33.000 Kilometer pro Stunde bilden die Winde den schnellsten Jetstream seiner Art, der jemals auf einem Planeten gemessen wurde. Die Entdeckung wurde mit dem Very Large Telescope in Chile gemacht und bietet Einblicke in die Witterungsbedingungen einer fernen Welt.

Erschienen am 7. November 2025

Quellennachweise

Bildnachweise

  1. ESO, Zamani, M., Calçada, L., & Kornmesser, M. (2019). ESO visual artists at work [Photograph]. ESO. https://www.eso.org/public/germany/images/KH9A0046-Edit/
  2. Calçada, L. (2025). Accretion burst [3D animation]. C4D ESO. https://luiscalcada.com/accretion-burst
  3. Jäger, M. (Director), Kornmesser, M. (Visual design & editing), Jesse, R., Jäger, M. (Writers), & Mendes da Costa, S. (Narrator). (2017). Hubblecast 104: Illustrating Hubble’s discoveries [Video]. ESO. https://luiscalcada.com/illustrating-hubble
  4. Calçada, L. (2024). A magnetic white dwarf with a metal scar [Illustration]. ESO. https://luiscalcada.com/a-magnetic-white-dwarf-with-a-metal-scar
  5. Kornmesser, M., & Calçada, L. (2020). Exoplanet where it rains iron [Illustration]. ESO. https://luiscalcada.com/exoplanet-where-it-rains-iron
  6. Calçada, L. (2025). Animation des Überschall-Jetstream-Winds auf dem Gasriesen WASP-127b [Video]. ESO. https://www.eso.org/public/germany/videos/eso2502b/

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