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Anja Reiter

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Maximilian Gödecke

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Ivan Antipenko

Wenn die Dämme brechen

Oleksandra Shumilova erforscht die Ökologie von Flüssen. Nun dreht sich die Arbeit der Ukrainerin plötzlich auch um den Krieg: Wie verändern die Bomben die Wasserinfrastruktur? Welche Folgen hat das für Ökosysteme und Gesellschaft? Doch während sie in sicherer Distanz forscht, lebt ihre Familie zuhause im Krieg.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu Krieg forschen würde. Als Flussforscherin am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin beschäftige ich mich seit Längerem mit den Prozessen in Flussauen.  Als im Februar 2022 der bewaffnete Konflikt in meiner Heimat Ukraine ausbrach, eröffnete sich eine neue Dimension in meiner Arbeit: Ich untersuche nun auch, wie sich Auen nach den katastrophalen Auswirkungen eines Krieges regenerieren – beispielsweise nach dem Einsturz von Dämmen infolge militärischer Angriffe.

Ich komme aus Mykolajiw im Süden der Ukraine. In den ersten Kriegstagen sah ich Bilder davon, wie meine Heimatstadt bombardiert wurde. Ich rief sofort meine Eltern an. Das Gespräch fühlte sich wie ein mögliches letztes an – fast unwirklich, wie eine Filmszene.

Kurz darauf wurde die zentrale Wasserleitung der Stadt zerstört. Einen Monat lang gab es kein Leitungswasser. Die Menschen mussten täglich an Verteilstellen Wasser holen. Meine Eltern sind beide über 70, meine Mutter kann kaum noch hinausgehen, also musste mein Vater das Wasser holen. Viele Nachbarn verließen die Stadt nicht wegen der Bomben, sondern wegen des fehlenden Wassers.

Heute untersuche ich auch, wie Kriege Wasserinfrastrukturen zerstören und welche Folgen das für Ökosysteme und Gesellschaften hat – von der Trinkwasserversorgung bis zu langfristigen Umweltveränderungen. Der Krieg zeigt, wie abhängig moderne Gesellschaften von komplexen Wassersystemen sind. Und auch, wie diese gezielt angegriffen werden.

Ein prägender Moment war die Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023. Als ich die Bilder am Morgen sah, konnte ich es zunächst nicht glauben. Kurz darauf riefen Journalistinnen und Journalisten an und baten um meine Einschätzung, weil meine kürzlich veröffentlichte Forschungsarbeit darauf hindeutet, dass Angriffe auf Staudämme entlang des Dnepr eine besondere Gefahr darstellen. Gleichzeitig verbreiteten sich in sozialen Medien dramatische Szenarien: ein »Tsunami«, zehntausende tote Delfine, eine mögliche nukleare Katastrophe aufgrund von Wassermangel im größten Kernkraftwerk Europas in Saporischschja… Vieles davon war nicht belegt, verbreitete sich aber rasant.

Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms hat eine große Landflächen im Süden der Ukraine überflutet – und teilweise nachhaltig verändert. Der Fotograf Ivan Antipenko hat in seinen Bildern festgehalten, wie Menschen und Natur mit den Folgen der Katastrophe umgehen.
Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms hat eine große Landflächen im Süden der Ukraine überflutet – und teilweise nachhaltig verändert. Der Fotograf Ivan Antipenko hat in seinen Bildern festgehalten, wie Menschen und Natur mit den Folgen der Katastrophe umgehen.
Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms hat eine große Landflächen im Süden der Ukraine überflutet – und teilweise nachhaltig verändert. Der Fotograf Ivan Antipenko hat in seinen Bildern festgehalten, wie Menschen und Natur mit den Folgen der Katastrophe umgehen.
Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms hat eine große Landflächen im Süden der Ukraine überflutet – und teilweise nachhaltig verändert. Der Fotograf Ivan Antipenko hat in seinen Bildern festgehalten, wie Menschen und Natur mit den Folgen der Katastrophe umgehen.
Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms hat eine große Landflächen im Süden der Ukraine überflutet – und teilweise nachhaltig verändert. Der Fotograf Ivan Antipenko hat in seinen Bildern festgehalten, wie Menschen und Natur mit den Folgen der Katastrophe umgehen.

Ich befand mich in einer Doppelrolle: Ich war emotional betroffen, und zugleich war ich als Wissenschaftlerin gefordert, die Sachlage objektiv einzuordnen. Genau darin liegt mein zentraler Konflikt. Emotionen sind mein Antrieb – ohne die persönliche Verbindung hätte ich dieses Thema nie verfolgt. Gleichzeitig verlangt die Wissenschaft, Unsicherheiten auszuhalten, vorschnelle Schlüsse zu vermeiden und komplexe Zusammenhänge differenziert darzustellen.

Nach der Zerstörung des Damms haben wir internationale Expertinnen und Experten zusammengebracht, Daten analysiert und Modelle entwickelt, um die Ausbreitung von Sedimenten und Schadstoffen sowie deren ökologische Folgen abzuschätzen. Unsere Ergebnisse zeigen: Die freigelegten Sedimente enthalten teils hohe Schadstoffkonzentrationen. Was wie eine »Rückkehr der Natur« wirkt – üppige Vegetation, neu entstehende Lebensräume – kann zugleich Risiken bergen, etwa wenn Schadstoffe in Nahrungsketten gelangen. Solche Befunde sind schwer vermittelbar, weil sie einfachen Erzählungen widersprechen.

Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, politische Positionen zu formulieren. Dennoch haben wissenschaftliche Aussagen auch politische Konsequenzen – etwa in der Frage, ob ein zerstörter Stausee wieder aufgebaut werden sollte. Diese Verantwortung spüre ich.

Meine größte emotionale Herausforderung bleibt, dass meine Familie in dieser Realität lebt, während ich in Sicherheit bin. Ich habe meine Eltern seit 2019 nicht mehr gesehen. Meine Tochter kennen sie nur aus Videoanrufen.

Und dennoch arbeite ich weiter. Der Krieg in der Ukraine ist eine Katastrophe – aber er wirft auch grundlegende wissenschaftliche Fragen auf: Wie reagieren Ökosysteme auf extreme Störungen? Wie organisiert sich Natur neu? Diese Fragen treiben mich an – und meine persönliche Betroffenheit, die meine Forschung dazu überhaupt erst ausgelöst hat.

Oleksandra Shumilova ist Flussforscherin und Postdoktorandin am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Sie forscht zu Geomorphologie, Biodiversität und Ökologie von Flüssen – und inzwischen auch über die Ressource Wasser während bewaffneter Konflikte.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.

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