Blicken und Spiegeln
Männer singen gern über Frauen, Frauen eher über sich selbst. Warum das so ist? Zwei Playlists über Blicke und Perspektiven in der Popmusik
Blicken
The Pains of Being Pure at Heart: Eurydice
The Streets: Fit but You Know It
Michael Jackson: Billie Jean
Falco: Jeanny
Art Brut: Emily Kane
Dexy’s Midnight Runners: Come on Eileen
Leonard Cohen: Suzanne
The Hollies: Jennifer Eccles
Looking Glass: Brandy (You’re a Fine Girl)
The Velvet Underground: Sweet Jane
The Beautiful South: Song for Whoever
Eine Liste von Popsongs mit Frauennamen im Titel nimmt schnell unübersichtliche Formen an. Das Verzehren nach der Noch-nicht-, Gerade-sehr- oder Nicht-mehr-Geliebten schlägt sich leidenschaftlich, zweifelnd, ekstatisch, rauschhaft, zerstörerisch in einer Vielzahl von Songs nieder. Dabei wird oft genug vor allem die Schaulust von Männern vertont, Frauen hingegen werden unsichtbar gemacht.
Diese Verbindung von männlicher Leidenschaft und Blick ist schon in der Sage von Orpheus und Eurydike angelegt: die große Liebe, seine Trauer nach ihrem Tod, der götterherzerweichende Gesang und die Erlaubnis, sie mit nach oben zu holen, wenn, ja wenn er sich nicht umdreht. Orpheus aber kann es nicht lassen, dreht sich um – und schickt Eurydice mit diesem Blick zurück in Unterwelt und Unsichtbarkeit.
Kunst, Literatur, Film und eben auch die Popmusik sind voll von solchen enthüllenden wie zerstörerischen Blicken. Nur gelegentlich sind sie so hintergründig wie in Fit but you know it von The Streets: Dort versucht der angeschickerte Protagonist sein Verlangen nach der vor Selbstbewusstsein wie vor Selbstbräuner strotzenden Frau, auf die er in der Fastfoodschlange starrt, zu kaschieren, nur um dann doch zurückgewiesen zu werden. »What do I give a fuck, I’ve got a girlfriend anyway«, spendet sich das gekränkte männliche Ego fragwürdigen Trost. Dass die Frauen bisweilen auch zurückschauen können, besingt Michael Jackson in Billie Jean: »She looked at me, then showed a photo of a baby cryin’, his eyes were like mine.« Das Baby, so wird Jackson nicht müde zu betonen, »is not my son« – und lässt Billie Jean so als durchgeknallte Stalkerin in die Musikgeschichte eingehen. Und in die Katastrophe führt ein Blickwechsel schließlich bei Falco: »Du hast gesagt: ›Mach mich nicht an‹. Aber du warst durchschaut, Augen sagen mehr als Worte«, begründet darin ein Entführer seine Tat. Die Täter-Opfer-Umkehr findet in Jeanny im Kopf des Mannes statt – und so müssen wir aus seinem Blickwinkel miterleben, wie die Liebe von der Fantasie ins Fanatische kippt.
Jeanny treibt die Perversion des männlichen Blicks als Ausdruck von Verlangen und Trieben auf die Spitze. Doch diesen Blick finden wir, wenn auch etwas harmloser, bereits im Mittelalter bei Walther von der Vogelweide, der in einem seiner Minnelieder die nackte Frau mit voyeuristischen Blicken bedenkt. Eine solche Entblößung des weiblichen Körpers verrät freilich meist mehr über die Schauenden und ihre Obsessionen als über die Angesehenen: »I’ve seen her naked, twice«, jubiliert ein frenetischer Eddie Argos in Good Weekend – und gesteht an anderer Stelle, dass er seine Jugendliebe Emily Kane zehn Jahre, neun Monate, drei Woche, vier Tage, sechs Stunden, dreizehn Minuten und fünf Sekunden nicht gesehen habe. Auch im Welthit Come on Eileen von Dexy’s Midnight Runners geht es vor allem um die schmutzigen Gedanken und Versuche des Mannes, die Namensgebende aus ihrem roten Kleid zu bekommen. Und Leonard Cohens Muse Suzanne Verdal muss auch heute noch betonen, dass die sich im Lied entfaltende sexuelle Beziehung allein in seinem Kopf stattgefunden habe. Der Literaturwissenschaftler Johannes Endres nennt das »sichtbare Unsichtbarkeit«: Die Frau wird, indem sie mit Blicken ausgezogen wird, doch eigentlich erst unsichtbar gemacht. Tatsächlich bleibt von Jennifer Eccles, Brandy, Sweet Jane und den ungezählten anderen kaum etwas übrig als ihre Namen im Titel von Popsongs. Ironisch auf die Spitze getrieben haben dieses Spiel The Beautiful South in Song for Whoever. »Oh Cathy, oh Alison, oh Phillipa, oh Sue, you made so much money, I wrote this song for you«. Der Song dankt den zahlreichen scheinbar Angebeteten gleichermaßen für Inspiration wie Tantiemenschecks. Und macht sichtbar, was Frauen im Pop oft sind: Gelddruckmaschinen.
Spiegeln
BOY: Boris
Dua Lipa: Boys Will Be Boys
Patty Smith: Gloria: In Excelsis Deo
M.I.A.: Bad Girls
Ebow: Punani Power
Fiona Apple: Shameika
La Femme: Le blues de Françoise
HAIM: Up From a Dream
Bikini Kill: Rebel Girl
Britney Spears: Work Bitch
The Kings of Dubrock: Alle Männer
Wenn Frauen auf Männer schauen, dann ist dieser Blick weniger enthüllend als vielmehr entlarvend. Boris zum Beispiel, den das Duo BOY besingt, ist ein sexistisches Pick-up-Arschloch: »You owe me your lips, I’m gonna give tips, I heard your boyfriend is out of town.« Und er ist nicht allein. Boys Will Be Boys lautet das Mantra, unter dem die Einmischungen, Anzüglichkeiten, Nötigungen, Übergriffe verharmlosend zusammengefasst werden – und das Dua Lipa zur Schlussfolgerung führt: »The kids ain’t alright«. Höchste Zeit also, den Männern, aber auch sich selbst den Spiegel vorzuhalten. Eine Lektion, die auch Patty Smith mit Gloria: In Excelsis Deo lehrt, wenn sie durch eine Coverversion den Them-Hit Gloria um die weibliche Perspektive erweitert: Ein Song über eine Frau wird so zu einem Song über das eigene Spiegelbild – und über weiblichen Zusammenhalt im Angesicht der starrenden Männer.
Durch den Blick in den Spiegel kommt eine mal mehr, mal weniger solidarische Form weiblicher Gemeinschaft zur Sprache: Bad Girls, die dank ihrer vulvatastischen Punani Power die Welt beherrschen. Wenn sich also Fiona Apple daran erinnert, wie ihre Jugendfreundin sie unterstützt hat – »Shameika said I had potential« –, dann geht es um weibliches Empowerment, und wenn in Le blues de Françoise die traurige Protagonistin den kaltblütigen Rat erhält, sich die Tränen abzuwischen, weil das scheiße aussehe, dann geht es ums Weitermachen in einer Männerwelt. Denn auch der Pop, der Frauen wie Dua Lipa zu absoluten Superstars macht, ist am Ende patriarchal organisiert: Auch hier erhalten All-Girl-Bands wie HAIM bei Festivals nur ein Zehntel der Gage von gleichrangigen männlichen Kollegen, um Songs wie Up from a dream zu performen.
Dabei war spätestens mit dem Riot–grrrl-Movement der frühen 90er-Jahre die feministische Selbstermächtigung in der Populärkultur angekommen. Bands wie Bikini Kill ging es in Songs wie Rebel Girl, so hält es etwa die Journalistin Sara Marcus fest, nicht allein um eine bessere Bezahlung, vielmehr um die Umwälzung der Geschlechterverhältnisse: Das Ende des Patriarchats, die Solidarität untereinander und das Recht auf persönliche Selbstbestimmung, etwa im Recht auf Abtreibung. Der Pop hat diese Ziele schnell vereinnahmt und weichgewaschen – vom »Girl Power«-Schlachtruf der Spice Girls bis zum lidstrichschwer-koketten Augenaufschlag bei Avril Lavigne.
Britney Spears dagegen, die zu Beginn ihrer Karriere als sexy Mädchen von nebenan vermarktet wurde, dient heute oft als leuchtendes Beispiel für die Befreiung von der Knute des Pop-Patriarchats. Das gerichtlich verfügte Ende der jahrelangen Vormundschaft durch ihren Vater wurde 2021 von vielen Fans mit Jubel aufgenommen. Aber taugt sie wirklich zum Postergirl der Emanzipation, wie die »Free Britney«-Bewegung nahelegt? Tatsächlich, so argumentiert die Essayistin Doreen St. Félix, ist das im Fall von Spears gern bemühte Pygmalion-Narrativ – von der kontrolllosen Statue zur eigenverantwortlichen Künstlerin – eben auch nur eine Festlegung auf eine bestimmte Geschichte. Britney Spears’ Verhältnis zu sich selbst und ihrer Arbeit sei komplexer – und viele ihrer von der Kritik gefeierten Songs wie die etwas andere Selbstbespiegelungs- und Empowermenthymne Work Bitch entstanden eben innerhalb der Zeit der Vormundschaft.
Auch wenn es kompliziert bleibt, breitet sich dennoch ein Selbstbewusstsein aus in der weiblichen Popmusik, das den männlichen Blicken standhält. Und Alle Männer? Bei denen klebt an jedem Spatenschaft weiter »dieser Bratensaft«, so singt Rica Blunck mit den Kings of Dubrock. Manche Dinge ändern sich wohl nur sehr, sehr langsam.
Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«
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