Rein ins Grüne
Für einen Ausflug in die Natur muss man nicht vor die Tür gehen.
Liebe Eltern von Kindern, die am liebsten den ganzen Tag in virtuelle Welten abtauchen: Was nun folgt, könnte in der nächsten Diskussion um die erlaubte Spielzeit mit der Virtual-Reality-Brille gegen euch verwendet werden.
Ein Ausflug in die Natur ist gut für die Psyche, das ist hinreichend erforscht. In Kanada etwa können Ärzt:innen Besuche in Nationalparks verschreiben – ihre Patient:innen erhalten dann kostenlosen Zugang. Die Studie eines interdisziplinären Teams aus Forschenden an der Nanyang Universität in Singapur zeigte nun: Es muss nicht unweigerlich »echte« Natur sein. Bereits ein fünfminütiger Waldspaziergang mit einer Virtual-Reality-Brille auf den Augen hebt die Stimmung und reduziert Stress. »Jetzt aber mal raus ins Grüne!« – dieser elterliche Appell könnte angesichts der Erkenntnisse an Schlagkraft verlieren.
»Singapur ist eine moderne, sehr heiße Stadt. Obwohl wir viele Grünflächen in der Stadt haben, halten sich viele Menschen lieber drinnen auf, als nach draußen zu gehen und die Natur zu erleben«, erklärt Studienleiterin Sarah Chan. Die Wissenschaftler:innen fragten sich also, wie sie den Bewohner:innen die Natur ins Wohnzimmer bringen könnten – vor allem den weniger mobilen Menschen. Die Coronapandemie verlieh der Frage einen Relevanzschub: Quarantänemaßnahmen und der eingeschränkte Zugang zur Natur lösten eine weltweite »Krise der psychischen Gesundheit« aus, schreiben die Autor:innen.

Die virtuelle Umgebung für den Spaziergang haben Chan und Kolleg:innen ansprechend animiert: Der Himmel schimmert blassblau, ein schmaler Pfad schlängelt sich in einen dichten Wald, der Wind rauscht durch die Blätter der Palmen. Außer dem Waldweg programmierten die Forscher:innen eine exakt gleich lange Route in einer Großstadt. Statt Palmen stehen große Wohnblöcke und Hochhäuser am Wegesrand, das Verkehrsrauschen einer Großstadt ersetzt das Blätterspiel im Wind. Auch durch dieses Szenario spazierten die insgesamt 50 Teilnehmer:innen zwischen 20 und 73 Jahren.
Doch wie lässt sich messen, welchen Effekt die virtuelle Umgebung auf die Stimmung hat? Direkt nach den Spaziergängen kreuzten die Wandersleute auf einer Skala an, welche Emotionen sie wie stark spürten und wie sehr sie sich im Allgemeinen mit der Natur verbunden fühlten. Während der Spaziergänge wurde zusätzlich die Herzfrequenz gemessen, um zu verfolgen, wie sich das Stresslevel mit der Umgebung veränderte: Stimmung rauf, Stress runter – allerdings nur im virtuellen Wald.
Sarah Chan hält es nicht für abwegig, dass Ärzt:innen ihren Patient:innen bei psychischen Erkrankungen in den nächsten Jahren einen Spaziergang in der virtuellen Wildnis verschreiben. Vor allem dann, wenn die Menschen etwa aufgrund ihres Alters nicht mehr sonderlich mobil sind. Für den Sonntagsspaziergang aber, glaubt die Wissenschaftlerin, werden die meisten trotzdem weiterhin raus ins Grüne ziehen. Denn für ihre Doktorarbeit im Fach Psychologie fand Chan auch heraus, dass Erlebnisse in der virtuellen Natur die Verbundenheit mit echter Natur stärken.
Erschienen am 7. September 2023
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