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Manuel Stark

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Das Versprechen der Eiderdaunen: Luxus, ohne Leid.

Die Federn der Eiderente zählen zu den wertvollsten Naturressourcen Islands. Wo die Wildvögel sich niederlassen, werden sie deshalb von Landwirt:innen beschützt. Zum Beispiel vor Polarfüchsen, die in der Dämmerung nach Eiern jagen. Und so streiten sich Jäger, Landwirt:innen und Forschende auf Island: Gibt es zu viele Füchse – oder gerade genug?

Eiderenten verlieren zur Brutzeit ihre Brustfedern, die Daunen dienen als Füllmaterial fürs Nest.
Eiderenten verlieren zur Brutzeit ihre Brustfedern, mit den Daunen polstern sie ihre Nester zum Schutz vor Wind und Schnee.

Garðar Páll Jónsson atmet langsam ein und aus. Er versucht das Land mit den Felsen und Gräsern, dem Wasser und den Vögeln nicht nur zu sehen, sondern zu fühlen, so wie es sein Großvater ihm beigebracht hat. Der Wind steht günstig, er trägt den Geruch von Salz ins Land und hält den des Menschen fern von der Küste. Das Meer ist laut genug, dass sein Gegner ihn auch nicht hören wird. Um keine unnötigen Geräusche zu verursachen, hat Jónsson das Gewehr vorab geladen. Er kneift seine wassergrauen Augen zusammen und späht durch das Fernglas zur Küste. Die Welt ist dämmrig blau, gerade genug Licht, um sicher zu zielen – so wird es für die nächsten Stunden bleiben, in Island geht die Sonne im Frühsommer nie ganz unter. Heute Abend also, nach so vielen Nächten hier draußen. Heute Abend wird er seinen Gegner endlich erschießen.

Jónsson sagt oft »der Gegner«, wenn er über Polarfüchse redet. Seine Stimme bleibt dabei ruhig, da ist keine Wut und auch kein Hass, er redet eher im sachlichen Tonfall eines Militärstrategen. Das passt zur Camouflage seiner Kleidung. »Es sind wundervolle Tiere, aber auch raffinierte Mörder«, sagt er, während er die Küste nach einem weißen Schatten absucht, etwa so groß wie eine Hauskatze. »Um die Füchse abzuhalten, gibt es keinen anderen Weg, als sie zuerst zu töten.«

Jedes Frühjahr pirscht Garðar Páll Jónsson durch die Landschaft und sucht alte Fuchsbauten auf. Sind sie wieder besiedelt, tötet er die Jungfüchse.
Jedes Frühjahr pirscht Garðar Páll Jónsson durch die Landschaft und sucht alte Fuchsbauten auf. Sind sie wieder besiedelt, tötet er die Jungfüchse.

Garðar Páll Jónsson ist eigentlich Grundschullehrer, er unterrichtet Rechnen und Schreiben. Tagsüber trägt er Bluejeans und Hemd, erst am späten Abend wechselt er in Camouflage, steigt in den Jeep und fährt auf die Klippe neben seinem Haus. Dort kann er die Schafe seiner Frau weiden sehen und das Küstengebiet überblicken, auf dem seit der Zeit ihrer Großeltern Eiderenten nisten. Seit die Familie über die Enten auf ihrem Grundstück wacht, werden es jedes Jahr ein paar Nester mehr. Gerade brüten knapp über 250 Wildvögel. Ihre Federn garantieren Jónsson mehr Geld als eine ganze Schafherde und sichern so den Fortbestand der Familienfarm.

Die Federn der Eiderente sind etwa so groß wie Tischtennisbälle und unter Isländern bekannt als Koks der Lüfte oder isländisches Gold. Eiderdaunen werden, wie alle Daunen, vor allem als Isolationsmaterial für Decken oder Jacken verwendet. Sie sind gewöhnlichen Enten- oder Gänsedaunen aber so weit überlegen wie eine Flasche Pinot Noir, König der Weine, einem Billigfusel aus dem nächstbesten Discounter. Eiderdaunen sind so weich und anschmiegsam und halten Wärme so gut, dass der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle schreibt, sie seien »so warm und weich wie Sonnenlicht«. Decken oder Jacken aus minderwertigen Eiderdaunen kosten meist 3.000 Euro und mehr. Wer hochwertige Daunen möchte, wie etwa Garðar Páll Jónsson sie anbietet, zahlt fünfstellig.

Eiderenten brüten an den flachen Fels- und Sandküsten Skandinaviens, an der Nordküste Alaskas und Kanadas und in Teilen Sibiriens. Die größten Populationen aber gibt es in Island. Die Männchen mit ihrem schwarz-weißen Gefieder entdeckt man schnell in dieser Landschaft, in der das Blau des Meeres fließend in das Grünbraun des Ufers übergeht. Die wertvollen Weibchen hingegen sind so schlammbraun wie die feuchte Erde und die Äste der Büsche, zwischen denen sie darauf warten, dass ihr Nachwuchs schlüpft. Man kann einen halben Meter vor einer Eiderente in ihrem Nest stehen, ohne sie zu bemerken – und ohne dass sie sich bewegt. Flucht bedeutet, den Nachwuchs im Stich zu lassen, und das ist für Eiderenten die letzte Option. Vielleicht trägt diese Treue dazu bei, dass ihre Art seit Jahren als vom Aussterben bedroht gilt.

Eiderweibchen sind gut getarnt. Mit ihrem Gefieder fallen sie in den braungrünen Uferlandschaften ihrer Brutgebiete kaum auf.
Eiderentenweibchen sind gut getarnt. Mit ihrem Gefieder fallen sie in den braungrünen Uferlandschaften ihrer Brutgebiete kaum auf.

Ihre Seltenheit steigert den Marktwert. Gerade Händler:innen im Nachhaltigkeits- und Bio-Segment werben, wer sich Eider-Luxus gönne, helfe, die Natur zu schützen.

Durch die hormonelle Umstellung beim Eierlegen lösen sich die Brustfedern der Enten von selbst, die Weibchen polstern damit ihre Nester gegen Wind und Schnee. Wenn Sammler:innen wie Garðar Páll Jónsson die Nester aufsuchen, ersetzen sie die Daunen mit anderen Materialien, wie Stroh, damit das Nest weiterhin warm und weich bleibt. Märkte wie Alnatura schwärmen davon, dass isländische Landwirt:innen einer jahrhundertelangen Tradition folgend eine Gemeinschaft »mit den sensiblen Wildvögeln« bilden. Das Versprechen: Ein Luxusprodukt, nicht nur frei von Tierleid, sondern obendrein gut fürs Karma. Wenn die Eiderente mit der Behandlung durch die Landwirt:innen unzufrieden sei, komme sie nicht zurück.

Was unerwähnt bleibt: Die Eier der Eiderente zählen zur Grundnahrung des einzigen heimischen Raubtiers auf Island. Schnappt ein Polarfuchs eines der Eier, kann es sein, dass nicht nur die Entenmutter, sondern auch Vögel benachbarter Nester fürs nächste Jahr einen anderen Brutplatz wählen. Es sind Wildvögel, die selbst entscheiden, auf wessen Grund sie brüten – und wer damit das Recht hat, die wertvollen Federn von seinem Land zu sammeln. Ein einziges Nest kann pro Saison mehr als 200 Euro einbringen. Manch einer, auf dessen Grundstück sich Eiderenten niedergelassen haben, fordert deshalb, Polarfüchse auf Island auszurotten.

Polarfüchse sind possierliche Tierchen, aber auch raffinierte Mörder: Schafen beißen sie die Nase ab und warten, dass die Beutetiere am eigenen Blut ersticken.
Polarfüchse sind possierliche Tierchen, aber auch raffinierte Mörder: Schafen beißen sie die Nase ab und warten, dass die Beutetiere am eigenen Blut ersticken.

»Es gibt Leute, die sich so äußern«, flüstert Jónsson und setzt seinen Feldstecher wieder ab. »Aber solche Leute respektiere ich nicht. Wir müssen die Zahl der Füchse nur nah genug am Minimum halten, sonst sind es zu viele für dieses Gebiet.«

Dieses Gebiet, damit meint er die etwa zwanzig Kilometer Küstenstreifen, für die er der verantwortliche Jäger ist, eingesetzt von der Regionalverwaltung. Zwanzig Kilometer Küste und zwei Täler im Hinterland.

Wie viele Füchse leben hier?

»Das kann ich nicht sagen. Bald ist Paarungszeit und ein Wurf hat vielleicht fünf, oder auch mal sieben oder acht Tiere. Und Fuchsbaue gibt es sicher fünfzig Stück, einige in guter Lage locken immer wieder Füchse an.«

Und wie viele Tiere wären gut?

»Für dieses Gebiet vielleicht vier. Jedenfalls nicht mehr als sechs, das wäre zu viel. Über ganz Island, irgendwo zwischen 3.000 oder 5.000. Aber die Regierung bezahlt einen Jäger gerade mal für die ersten 20 Tiere. Danach muss man freiwillig weiterarbeiten.«

Offiziell stehen die zirka 9.000 bis 10.000 Füchse unter Naturschutz. Außer, so heißt es vom Umweltministerium, ein Fuchs sei eine »Bedrohung für Tierzucht oder Natur«. Wer einen solchen Fuchs tötet, dem zahlen die Behörden umgerechnet etwa 50 Euro. Der isländische Staat zahlt jedes Jahr über 750.000 Euro für getötete Füchse. Und alle Jäger arbeiten freiwillig weiter. Wann ein Fuchs zum Schadfuchs wird, dafür gibt es keine Kriterien. Die Jäger entscheiden selbst.

Viele Landwirt:innen töten im Winter einige ihrer Islandpferde und legen sie als Köder aus. Wenn der Schnee schmilzt, bleiben Knochen und Haut zurück.
Viele Landwirt:innen töten im Winter einige ihrer Islandpferde und legen sie als Köder aus. Wenn der Schnee schmilzt, bleiben Knochen und Haut zurück.

»Der sogenannte Schutz bedeutet, dass jeder Fuchs getötet werden darf. Und der Staat bezuschusst das mit Steuergeld«, sagt Ester Rut Unnsteinsdóttir. Sie leitet die Polarfuchsforschung am Naturhistorischen Institut von Island. »Wie kann ein Wildtier denn der Natur schaden? Es gehört doch zur Natur!«

Anders als bei Jónsson hört man Unnsteinsdóttir an, dass der Konflikt mit den Jahren zu mehr geworden ist als einer rein sachlichen Angelegenheit. Da ist Frust, Enttäuschung, Betroffenheit. Die Wissenschaftlerin forscht zu Populationsgrößen und weiß, wie stark die Tiere unter Druck geraten sind, seit die großen Fischschwärme immer weiter nach Norden gezogen sind, weg von Islands Küsten. Denn die Füchse fressen neben Vogeleiern auch Fische, Muscheln und Meeresfrüchte. Zudem gerät Schwermetall aus den Aluminiumfabriken in die Umgebung und lässt sich im Fell und im Magen der Füchse nachweisen. Das macht die Tiere womöglich anfälliger für Krankheiten. Aber auch die Wildvögel an der Küste werden immer weniger, weit draußen auf dem Meer verfangen sie sich in Schleppnetzen. Dadurch ist es für die Füchse noch schwieriger, Nahrung zu finden: Sie sind darauf angewiesen, Eier zu stehlen oder auch mal einen Vogel zu erlegen.

Gerade gilt die Zahl der Polarfüchse auf Island zwar als stabil, aber Unnsteinsdóttir und auch ihre internationalen Kolleg:innen aus Dänemark, Norwegen, Finnland und Deutschland vermuten eine scheinbar sichere Populationsgröße, die in Wahrheit sehr anfällig ist. »Wenn wir die Zahl der Tiere zu sehr drücken, verlieren sie ihre Resilienz. Es braucht nur ein Virus, einen heftigen Winter oder ein ähnliches Ereignis und es könnte sich verheerend auf die Füchse auswirken«, sagt Unnsteinsdóttir. »Ihre natürliche Sterblichkeitsrate über das Jahr hinweg ist ohnehin sehr hoch.«

Für ihre Forschung ist Ester Rut Unnsteinsdóttir auf die Fuchsjäger angewiesen: Sie schicken ihr die geschossenen Fuchskadaver.
Für ihre Forschung ist Ester Rut Unnsteinsdóttir auf die Fuchsjäger angewiesen: Sie schicken ihr die geschossenen Fuchskadaver.

Polarfüchse können bis zu elf Jahre alt werden, aber die wenigsten Wildtiere überleben so lange. Zirka vier von fünf Jungfüchsen sterben in ihrem ersten Jahr, nur etwa jedes elfte Tier wird drei Jahre alt.

»Und das soll ausreichen, dass Horden von Füchsen unsere Bauernhöfe bedrängen?« Unnsteinsdóttir winkt ab. Vor Jahren schon hat sie das Arctic Fox Center gegründet, ein Informationszentrum, das über die Tiere aufklärt und Fuchs-Touren für Tourist:innen anbietet.

Der Fuchs als Werbesymbol. Für einige Jäger war das eine Verbrüderung mit dem Feind. Unnsteinsdóttir wurde bedroht und beschimpft, ein Jäger verfasste ein Schmähgedicht. Und doch ist Unnsteinsdóttir ausgerechnet auf die Hilfe der Jäger angewiesen. »Sie sind gewissermaßen meine einzigen Mitarbeiter.« Was sie damit meint, zeigt sie in einem Raum, karg wie eine Abstellkammer. Darin stehen zwei Gefriertruhen, beide voll mit Plastiksäcken, in denen Fuchskadaver lagern. »Es werden so viele Füchse geschossen, man kann nicht alle sofort untersuchen.« Die Jäger sind von den Behörden angehalten, ein Formular mitzuschicken, wo sie den Fuchs geschossen haben und auf welche Weise – in der Wildnis geködert oder auf dem eigenen Grund gestoppt. Viele senden leere Formulare, das Geld gibt es auch so. »Wenigstens das sollten sie ändern«, sagt Unnsteinsdóttir. Was es braucht, damit die Population stabil bleibt, und wie viele Füchse es da draußen überhaupt gibt, und wo, das kann sie nur mit Hilfe der Jäger herausfinden. »Einen Fuchs mit leerem Formular kann ich nicht für die Forschung nutzen, den kann ich höchstens ausstopfen lassen.«

Die Biologin legt die Fuchskadaver zurück und geht durch eine Zwischentür in den nächsten Raum. Der steht voll mit weißen Metallregalen, in denen durchsichtige Plastikwannen liegen, gefüllt mit Knochen. Sie greift nach einer der Wannen und nimmt einen Unterkiefer heraus, kleiner als ihre Handfläche. »Viele Bauern tun auch so, als wäre der Fuchs ein Monster und würde nicht nur die Eidereier fressen, sondern auch ihre Schafe reißen.« Sie fährt mit ihrem rechten Zeigefinger über die spitzen, kleinen Zähne. »Aber schau mal, das ist der Kiefer von einem ausgewachsenen Fuchs.«

Ester Rut Unnsteinsdóttir besitzt ganze Regale an Kartons, voll mit Kieferknochen von Füchsen. Sie und Kolleg:innen fürchten: Auf Island werden Füchse zu intensiv bejagt.
Ester Rut Unnsteinsdóttir besitzt ganze Regale an Kartons, voll mit Kieferknochen von Füchsen. Sie und Kolleg:innen fürchten: Auf Island werden Füchse zu intensiv bejagt.

Tatsächlich rief die Isländische Umweltagentur 2021 dazu auf, alle Angriffe von Füchsen auf Schafe zu melden. Steinar Rafn Beck Baldursson vom Wildtiermanagement der Agentur sagt: »Wir haben ausschließlich Anrufe bekommen, dass Füchse in Eiderbrutgebiete eingedrungen sind. Die Lage hat sich geändert, Lämmer kommen nicht mehr auf der Weide, sondern im Stall zur Welt.« Der Konflikt betreffe nur noch solche Grundstücksbesitzer, auf deren Land Eiderenten brüten.

Unnsteinsdóttir sagt, vielen Jägern und Landwirt:innen gehe es nicht um die Fakten. »Die Fuchsjäger alter Zeit haben den Status von Nationalhelden, sie sind Legenden. Mein eigener Großvater war ein berühmter Fuchsjäger. Für einige Jäger ist das, was ich tue – vor allem, dass ich das Arctic Fox Center gegründet habe – Verrat.«

Ein paar Tage später sitzt Garðar Páll Jónsson in seinem Jeep, wieder trägt er Camouflage, sein Gewehr liegt auf dem Rücksitz. In der Nacht neulich kam kein Fuchs, aber so ist es eben, sagt Jónsson, »das ist ein schlauer Gegner.« Er steuert das Auto über einen Feldweg in eines der beiden Täler, rechts und links sanft aufsteigende Wände von moorbraunem Gras, die nach ein paar hundert Metern erst steil werden, dann weiß von Schnee und Eis. In der Ferne liegt der Nebel so dicht über dem Tal, dass er keine Grenze zu den Wolken lässt.

Ist das hinter dem Felsen ein Klumpen Eis? Oder doch ein weißes Fell? Garðar Páll Jónsson sagt, er habe jahrelang geübt, um einen Fuchs auf Distanz zu erkennen.
Ist das hinter dem Felsen ein Klumpen Eis? Oder doch ein weißes Fell? Garðar Páll Jónsson sagt, er habe jahrelang geübt, damit er einen Fuchs auf Distanz erkennen kann.

Wie jedes Jahr muss Jónsson die alten Fuchsbaue kontrollieren. Wo hat sich ein Paar gefunden, wo wird es Junge geben? Was er findet, wird er auf einer Karte markieren, um in zwei Wochen wiederzukommen, wenn die Mutter beim Nachwuchs bleibt, während der Vater nach Nahrung sucht. Jónsson wird einige Tage lang Bau für Bau abgehen, alle Plätze, von denen er weiß, und das tun, was andere Jäger »Baujagd« nennen. Er sagt dazu, »den Bau reinigen.«

Wer einen Bau reinigt, während die Füchsin ihre Jungen aufzieht, spart sich später aufwändige Wochen der Jagd mit unsicherem Erfolg. Deshalb geben Fuchsjäger seit Generationen das Wissen weiter, wo die Baue zu finden sind, jede Generation sucht und trägt ihre Entdeckungen in Karten ein. Das Geld der Regierung unterscheidet nicht zwischen einem Jungfuchs im Bau oder einem ausgewachsenen; Fuchs ist Fuchs.

»Die Jungfüchse passen zu dieser Zeit noch in meine Jackentasche. Das ist keine schöne Arbeit, das ist schlimm«, sagt Jónsson. »Aber irgendjemand muss es tun.« Wenn es zu viele Füchse werden, würden sie die Bauernhöfe überfallen und Schafe reißen. Er kennt den Aufruf der Umweltagentur, weiß, dass sich niemand gemeldet hat, sagt aber, dass es diese Fälle trotzdem gebe. Ja, die Füchse seien klein wie Katzen, aber tausendmal raffinierter. Polarfüchse töten langsam, grausam und effizient: Bei einem Schaf beißen sie die Nasenspitzen ab und lassen es, teilweise über Tage, verbluten. Jónsson beweist das mit Handyfotos: Schafe mit abgerissenen Nasen liegen auf Gras, das rot glänzt von ihrem Blut. »Hier draußen auf dem Land kennen wir einander«, sagt Jónsson. »Wenn ein Bauer Probleme hat, ruft er mich an – und nicht in Reykjavik.«

Es stimme zwar, die Überfälle seien weniger geworden. Aber das liege an der Jagd. »Solange wir die Füchse auf einem Minimum halten, passiert nichts. Es ist wie beim Autofahren. Nur weil du keinen Unfall hast, heißt das ja auch nicht, dass der Sicherheitsgurt nichts bringt.«

Hunde werden seit Jahrhunderten von Menschen gehalten und gezüchtet. Füchse hingegen seit jeher gejagt.
Hunde werden seit Jahrhunderten von Menschen gehalten und gezüchtet. Füchse hingegen seit jeher gejagt.

An einem Punkt der Straße, der genauso aussieht wie alle anderen, lenkt Jónsson seinen Jeep in das offene Gelände und sagt: »Hier ist es.« Dann steigt er aus, schultert sein Gewehr und macht sich an den Anstieg auf diesem moornassen Boden, auf dem jeder Schritt klingt, als würde man einen vollgesogenen Küchenschwamm zertreten. Die Luft ist feucht und eisig. An ein paar Steinen, die für einen Laien genauso aussehen wie alle anderen Steine, bleibt der Jäger stehen. »Hier ist einer«, flüstert Jónsson. »Der hier ist groß – und beliebt.«

Er lehnt sein Gewehr gegen einen der Felsen, kniet sich in das nasse Gras. Schaut in den Tunnel. Dann greift er nach seinem Gewehr. Und stemmt sich wieder hoch. »Dieses Jahr wohl leer.«

Er setzt sich auf einen der Steine und schaut in das Tal, wo der Jeep wie ein Pünktchen zwischen den Bergflanken steht. Hier hat Garðar Páll Jónsson als Kind auf einem Pferderücken gesessen und sich von hinten an seinen Großvater geklammert. Von ihm hat er gelernt, wann man den Fluss an welcher Stelle passiert, welche Steigung er den Pferden zumuten kann und wo er absteigen und selbst weitergehen muss. An welchen Zeichen man erkennt, ob Füchse durch das Tal streifen und wie man selbst aus der Ferne unterscheiden kann, ob das hinter dem Felsen nur ein Klumpen Eis ist oder doch ein weißes Fell. Er hat gelernt, sich niemals auf das Wetter zu verlassen und neben dicker Kleidung immer eine Flasche Schnaps dabei zu haben, falls Regen oder Schnee so dicht fallen, dass man erst spät, vielleicht auch erst nach Tagen wieder nach Hause kommt. »Schnaps wärmt und beruhigt die Nerven«, sagt Jónsson. »Jeder erfahrene Fuchsjäger hat eine Flasche Schnaps im Handschuhfach.«

Die Fuchsjagd ist eine jahrhundertealte Tradition auf Island und jeder kennt Geschichten über Männer, die allein ins Weiß der Berge wanderten und manchmal erst nach Tagen wiederkamen, durchgefroren und steif, aber mit einem Bündel erlegter Füchse. »Das waren Legenden«, sagt Jónsson. Und wie er so redet, über die »alte Zeit«, darüber, dass jedes Tal, jeder Wasserfall und nicht nur die Berge, sondern auch alle Hügel einen Namen haben, drängt sich der Eindruck auf, dass es auch Jónsson um mehr geht als nur um rationale Gründe, wie den Schutz von Weidetieren oder seiner Eidervögel. Er will Teil sein von dieser alten Zeit, das nächste Glied in einer langen Kette der Tradition. »In mir lebt das Wissen meiner Vorfahren weiter«, sagt Jónsson beim Abstieg zurück zum Jeep. »Ich glaube, mein Großvater wäre stolz.«

Ein paar Wochen später reist Unnsteinsdóttir durch das Land und hält Vorträge vor Jägern, um für ihre Sache zu werben. Sie vermeidet Wörter wie »Schutzgebiet«, auch wenn sie sofort eines beschließen würde, wenn sie könnte. Schutzgebiete gibt es auf Island bisher nicht und die wenigen jagdfreien Zonen stehen als »unkontrollierte Brutstätten« seit Jahren in der Kritik der Fuchsjäger. Die Biologin spricht von Verantwortung, von Geschichte, von Tradition und davon, dass die Fuchsjagd als Wildtiermanagement wichtig sei, dass man aber auch mehr wissen müsse: Wie viele Füchse gibt es tatsächlich, und wie viele braucht es? Wenn es nachweisbar zu viele sind, könne das die Regierung sogar überzeugen, die bezahlten Quoten zu erhöhen.

Einen dieser Vorträge besucht auch Jónsson. Er weiß, dass mehr Forschung auch geringere Quoten bedeuten kann – wenn die Zahl der Füchse doch kleiner ist, als die Jäger denken. Aber daran glaubt er nicht. »Mit ihren Zahlen können wir beweisen, dass was wir tun, wichtig ist.« Er will andere überzeugen, die Formulare auszufüllen.

Eiderenten sind Wildvögel. Sie brüten an den flachen Fels- und Sandküsten der Nordhalbkugel, die größten Populationen bauen ihre Nester in Island.
Eiderenten sind Wildvögel. Sie brüten an den flachen Fels- und Sandküsten der Nordhalbkugel, die größten Populationen bauen ihre Nester in Island.

Es sind zwei verschiedene Perspektiven, die den Jäger Garðar Páll Jónsson und die Biologin Ester Rut Unnsteinsdóttir voneinander trennen. Die eine sagt: Auf dem europäischen Festland ist man weiter. In Island setzt sich die Überzeugung erst langsam durch, dass es Naturschutz als Selbstzweck braucht. Der andere sagt: Auf dem Festland haben viele vergessen, was Natur ist. »Natur ist nicht kuschelig oder freundlich, das sind Blizzards im Winter und Überschwemmungen im Sommer. Du musst der Natur mit Respekt begegnen. Und dazu gehört, hart zu sein, wo es nötig ist.«

Was sicher ist: Eiderenten nutzen den Menschen, Schafe auch. Füchse höchstens als Pelz gegen Winterkälte. Aber wer braucht im 21. Jahrhundert noch Pelze? Und damit bleibt vor allem eine alte Frage: Wie viel Wert hat die Natur ohne finanziellen Wert für den Menschen?

Erschienen am 19. Januar 2024.

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