Was wir durch Donald Trump über das komplexe Verhältnis von Wissenschaft und Politik lernen konnten

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Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen.

Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Donald Trump hält nicht viel von der Wissenschaft. Seine Zweifel an der Erderwärmung, an den Ratschlägen der Virologie oder die Behauptung, dass LED-Leuchten Krebs auslösen – andauernd äußert er Zweifel an der Wissenschaft und ihren Erklärungen. Und verbreitet krude selbstgestrickte Theorien und wilde Ideen wie die Empfehlung, Desinfektionsmittel in den Körper zu injizieren oder zu trinken, um Covid-19 zu bezwingen. Nach der eigenen Corona-Erkrankung und der hollywoodmäßig inszenierten Rückkehr aus dem Walter-Reed-Militärkrankenhaus verkündet Trump, viel über das Virus gelernt zu haben und zwar in der »echten Schule, der Schule des Lebens«, nicht in der »Lasst-uns-die-Bücher-lesen-Schule«. Wodurch die Wissenschaft ganz nebenbei wieder einmal herabgewürdigt wird: Vom wahren Leben und den echten Zusammenhängen scheint sie keine Ahnung zu haben. Populisten, so könnte man glauben, halten eben nicht viel von Wissenschaft und ihr populistisches Spiel um die Zustimmung der Wähler:innen macht vor der Wissenschaft nicht halt, weil den Populisten Emotionen und Interessen mehr gelten als Fakten und Erkenntnisse.

06.01.2021: Trump-Unterstützer vor dem Capitol. Foto von Tyler Merbler.

Ein Wechselbad aus Lob und Beschimpfung

Zugleich aber beziehen sich auch Populisten auf wissenschaftliche Positionen, um die eigene Sicht der Dinge zu plausibilisieren. Wenn man also genauer hinsieht, dann wird klar, dass Wissenschaft auch für einen Donald Trump durchaus als Autorität gilt und von ihm auch als solche dargestellt wird. Aber eben nur dann, wenn das die eigene Position stärkt und den eigenen Interessen nützt. Nach der Corona-Erkrankung artikuliert er »great respect for the doctors and lab scientists«, lobt die »finest scientific minds and military minds in the world«, die geholfen haben, gegen die Covid-19-Infektion zu kämpfen, wirft Joe Biden und Kamala Harris vor, dass sie mit einer »leichtsinnigen Anti-Impfungs-Rhetorik« Wissenschaft untergraben. Wissenschaft ist also durchaus eine Autorität in der Welt Trumps, der ständige Bezug auf seinen Berater Dr. Fauci eine klassische rhetorische auctoritas-Strategie, um die eigene Position zu stärken. Zugleich aber hindert das Trump, genau wie viele weitere populistische Politiker, nicht daran, am Sinn eines Lockdowns zu zweifeln, die Gefahr durch das Corona-Virus herunterzuspielen oder Wissenschaftler zu beschimpfen und zu diffamieren. Manchmal scheint es auch so, als ob eher die großen Unternehmen Trumps Vertrauen genießen als die Universitäten, so dass er Joe Biden vorwurfsvoll fragt: »You don’t trust Johnson & Johnson?«. Die Universitäten hingegen bringt er eher mit der »radical indoctrination of our students« in Verbindung, so dass man ihnen die Autorität und Glaubwürdigkeit ja nur absprechen kann – natürlich nur solange, bis sich eine wissenschaftliche Position auftut, die der eigenen Sache dienen könnte. Das bringt oft Pseudoexperten in die Öffentlichkeit, die wenig Expertise in einem Gebiet haben, aber eine dezidierte Meinung vertreten. So ist eine undurchsichtige Parallelwelt von Klima- und Impfexperten entstanden, auf die Populisten gerne verweisen, obwohl die Forschung und Publikationen dieser Experten einer genauen Prüfung kaum standhalten können.

Wissenschaft liefert keine sicheren Erkenntnisse

Hinter diesem schwierigen Verhältnis der Populisten zur Wissenschaft liegt ein ernsthaftes Problem, hier offenbart sich die generell nicht einfache Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik. Die Forderung nach einer evidenzbasierten Politik, einer Politik also, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und Prognosen orientiert, ist nämlich eine schwierige Aufgabe für Wissenschaft und Politik.

Wissenschaft liefert schließlich keine sicheren Erkenntnisse. Oder besser: Sie liefert meist vorläufige Erkenntnisse, also Theorien, Modelle, Projektionen, die im Laufe des Forschungsprozesses modifiziert und weiterentwickelt werden. Egal, ob es um die Corona-Pandemie oder den Klimawandel geht: Komplexe Probleme, Jürgen Habermas hat jüngst in der Corona-Krise darauf hingewiesen, gehen immer auch mit Nicht-Wissen einher. Die genauen Ansteckungswege bei Corona, mögliche Therapieansätze, die richtige Form der Beatmung, die langfristige Wirkung einer Impfung – vieles war zunächst unklar und ist es noch. Der Prozess wissenschaftlicher Forschung ist mit der Entwicklung von Thesen verbunden, die, auch wenn sie auf der Grundlage von induktiven und deduktiven Beweisen stehen, falsch sein können, immer wieder revidiert und modifiziert werden müssen, gerade wenn sich die Datenlage ändert und weiterentwickelt. Demgegenüber erhofft sich die Politik sicheres Wissen und eine klare Orientierung, weil im politischen Konkurrenzkampf unter medialer Dauerbeobachtung wenig Raum für das Revidieren und Modifizieren politischer Positionen ist, während die Empörungskultur in den sozialen Medien, den Druck auf die Politik noch zusätzlich erhöht.

»Zu glauben, es würde darum gehen, dass die Wissenschaft einfach ihre Kenntnisse an die Politik weitergibt ist grundfalsch.«

Wissenschaft kann also keine sichere Basis für politisches Handeln liefern, sondern allenfalls eine Orientierung bieten. Diese Orientierung der Politik an und durch wissenschaftliche Erkenntnis ist wichtig, aber sie macht letztlich einen Dialog zwischen Wissenschaft und Politik nötig, in dem immer auch Unsicherheiten und offene Fragen, Wahrscheinlichkeiten und Nicht-Wissen Themen sein müssen. Zu glauben, es würde darum gehen, dass die Wissenschaft einfach ihre Kenntnisse an die Politik weitergibt, so wie ein Radio- oder Fernsehsender sein Programm sendet, ist daher grundfalsch. Weil aber ein Populist wie Trump sich nicht der Verantwortung stellt, einen ernsthaften Dialog mit der Wissenschaft zu führen, kann er auf die Lücken der Erkenntnis verweisen, Forschung im Ganzen in Misskredit bringen, um eigene Interessen stark zu machen und eigene Ziele durchzusetzen

Der regierende Philosoph, den Platon im Sinn hatte, oder in modernen Worten die Wissenschaftler:in als Regierungschef:in ist freilich ebenfalls ein Schreckgespenst, und, wie wir seit Karl Raimund Popper wissen, einer der schlimmen Feinde einer offenen Gesellschaft. Denn es ist die Aufgabe der Politik, nicht blind der Wissenschaft zu folgen, sondern soziale und wirtschaftliche Folgen abzuwägen und auf einer solchen Basis informierte und wohlüberlegte Entscheidungen zu ermöglichen. Die Wissenschaft kann zwar Modelle über die Entwicklung der Corona-Infektion bei verschiedenen Stufen der Kontaktbeschränkung errechnen. Aber ob man am Ende Grundschulen schließt, Friseursalons, Theater oder Fabriken um die angestrebte Kontaktreduktion zu erreichen, ist eine politische Frage, zu der unterschiedliche Wissenschaftler:innen Stellung beziehen können, aber die letztlich einer politischen Betrachtung bedarf. Wissenschaftliche Erkenntnis zu verherrlichen sollte also nicht das Ziel einer evidenzbasierten Politik sein. Die Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse, das ständige Fortschreiten von Erkenntnis sind häufig zu wenig im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Sie sind aber wichtig, damit keine unrealistischen Erwartungen an die Wissenschaft aufkommen. Die Politisierung wissenschaftlicher Expertise und die Verwissenschaftlichung der Politik erfordert Reflexion und ist für beide Seiten eine Herausforderung.

Wissenschaft kann keine einfachen Aussagen zu komplexen Problemen bieten.

Schon die Kommunikation ist dabei häufig ein Problem. Wie lassen sich komplexe Erkenntnisse und Interdependenzen, bloße Wahrscheinlichkeiten und auch Nicht-Wissen so erklären und veranschaulichen, dass sie verstanden werden? Auch für die Wissenschaft ist das Verhältnis zur Politik schwer zu durchdringen. Mehr noch: Welche Erwartungen hat die Politik an die Wissenschaft? Wie verträgt sich die Neutralität und Objektivität der Wissenschaft mit den Wertentscheidungen der Politik? Das System der Wissenschaft, allein der Erkenntnis verpflichtet, funktioniert nach anderen Regeln als das der Politik. Nicht erst wenn Politik, wie im Fall von Trump, Einfluss auf Wissenschaft nimmt, Erkenntnisse behindert oder aus politischen Interessenlagen bestimmte Forschung fördert, haben wir ein Problem. Für politische Entscheidungen sind klare Aussagen wünschenswert, einfache Ansagen. Die aber kann und darf die Wissenschaft gar nicht bieten. Es ist kein Zeichen von Mutlosigkeit, wenn Wissenschaftler:innen sich der Forderung nach einer klaren Aussage oder gar der direkten Legitimation einer Entscheidung verweigern. Sondern eines von Haltung.  Evidenzbasierte Politik bedeutet, politische Entscheidungen zu treffen, die kulturell, sozial und wirtschaftlich anschlussfähig sind, und Entscheidungen zu treffen auf der Basis von Fakten und Erkenntnissen, aber auch von Unsicherheit, Zweifel und Nicht-Wissen.

»Donald Trump nutzt den Spielraum der Unwissenheit und Unsicherheit in den Wissenschaften und macht auf diese Weise Politik.«

Trump verherrlicht eine Form der Wissenschaft, die sichere Erkenntnisse liefert, Erkenntnisse, die ihm in den Kram passen: »New breakthroughs in science and medicine« wurden in der North Carolina Rally Speech gefeiert, wo sich Trump dann auch gleich zum Urheber und Anstifter dieser »erfolgreichen« Corona-Forschung machte – mit der Realität wissenschaftlicher Forschung hat das aber wenig zu tun. Politik muss verstehen lernen, dass meist nicht die eine Lösung für komplexe Probleme und wissenschaftliche Fragen zu erzielen ist, sondern viele unterschiedliche Faktoren zu berücksichtigen sind, sich etwa in der aktuellen Pandemie unterschiedliche Krankheitsverläufe und Reaktionen auf Impfstoffe zeigen oder Mutationen Prognosen schwer machen, so dass es eben nicht die eine große wissenschaftlich legitimierte Lösung gibt.

»I don’t think science knows«

In einem Wortgefecht mit dem Moderator der ersten Debatte mit Biden, der nach dem Pariser Klimaabkommen fragt, sagt Trump, er zweifle, ob die Wissenschaft wisse, wie sich das Klima verändert und bekennt sich zu seinem: „I don’t think science knows«. Trump nutzt den Spielraum der Unwissenheit und Unsicherheit, macht auf diese Weise Politik, die sich um wissenschaftliche Erkenntnisse nicht schert und lediglich eine populistische Agenda der eigenen Interessen umsetzt. Er habe die Energiewende, die Obama auf den Weg gebracht hatte, beendet, »because it was driving energy prizes through the sky«. Gegen dieses Argument können tausende Klimastudien und Wissenschaftler:innen letztlich nichts ausrichten. So zeigt sich am Extrem Trump, dass Wissenschaft und Politik nur zusammenfinden, wenn auch eine bestimmte Haltung auf beiden Seiten gegeben ist.

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Die Aufgabe der Politik

Auf der Seite der Politik ist das ernsthafte Bemühen nötig, sich mit Wissenschaftler:innen und Wissenschaft auseinanderzusetzen und der Wille, die Erkenntnisse der Wissenschaft zur Grundlage des Regierungshandelns zu machen. Auf der Seite der Wissenschaft aber ist eine Haltung nötig, die es erlaubt, den Regeln der eigenen Disziplin treu zu bleiben. Wissenschaft muss sich auch im Dialog mit der Politik auf Erkenntnis verpflichten, auf den Prozess wissenschaftlicher Forschung, der durch Zweifel und Widerlegung von Theorien voranschreitet. Wissenschaft muss sich auf das Erkenntnisprinzip verpflichten, darf nicht dem Bedürfnis des Mediensystems nach der spannenden Schlagzeile erliegen, nicht dem Bedürfnis der Politik nachgeben und bequeme Antworten liefern, die politisch gewünscht sind, weil sie ökonomisch gewinnbringend, gesellschaftlich akzeptiert oder sozial vorteilhaft scheinen.

Die genuine Aufgabe der Politik ist es dann aber, die Erkenntnisse der Wissenschaft umzusetzen und den Bürger:innen ihre Entscheidungen zu erklären und zu begründen, um einen Ausgleich zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und legitimen Interesse der Bürger:innen zu erreichen, der im besten Sinne des Wortes »vernünftig« ist: das heißt, sich jederzeit rational begründen lässt, ethischen Standards genügt und nicht nur dem persönlichen Machtstreben und Vorteil Einzelner dient. In dieser Hinsicht hat Donald Trump versagt, und genauso versagen alle Populisten, die nur eigenen Interessen folgen und Fakten und Erkenntnisse leugnen, statt sie ernst zu nehmen – wie es die Verantwortung der Politik wäre. Genau jener entziehen sich die Populisten aber gerne mit ihren leeren Versprechungen und dem Appell an düstere Emotionen. Kurzfristig mögen sie damit Erfolge haben. Langfristig führen sie ein Staatswesen in den Abgrund. Wenn Fakten nicht gelten und vernünftige Argumente nicht zählen, wenn wie bei Macbeth gilt »fair is foul and foul is fair«, dann kann ein Staat nicht funktionieren – das ist die Lektion, die Trump uns lehrt. Er lässt eine tief gespaltene Gesellschaft zurück, in der die Symbole der Demokratie vom Mob geentert werden und ein Mann mit einem Fellumhang und Hörnern auf dem Kopf sich anschickt, das Parlament zu erobern.

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Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen.