Vor vier Jahren wurde Donald Trump zum Präsidenten gewählt – was bedeutet das für Menschen, die zum Studieren und Forschen in die USA gingen? Und was erhoffen sie sich von dieser Wahl? Fünf Erzählungen.

Protokoll
Lissi Pörnbacher ist Redakteurin beim Science Notes Magazin.

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Sandra Teschow ist Art Direktorin des Science Notes Magazin.

2016 – das ist das Jahr, in dem Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Seither hat sich nicht nur für US-Amerikaner viel geändert, sondern auch für Studierende aus Deutschland. Hat Trump ihren Aufenthalt im Ausland beeinflusst? Wird er wiedergewählt? Wie sieht die Zukunft wohl aus? Junge Studierende und akademische Mitarbeiter erzählen aus ihrer Perspektive von ihren Erfahrungen und Hoffnungen – eine Reise durch blaue und rote Staaten von West nach Ost.

Seit Trump Präsident ist, nahm die Zahl der neuen internationalen Studierenden ab: 2016/17 um 3,3 Prozent, im Jahr danach um 6,6 Prozent und 2018/19 um 0,9 Prozent.

 

Die USA sind eines der beliebtesten Ziele von Studierenden, die sich im Ausland weiterbilden wollen. Allein im Jahr 2018/19 waren mehr als eine Million internationale Studierende in den USA – ein Drittel davon in Kalifornien, New York oder Texas. Insgesamt nimmt der Prozentsatz an internationalen Studierenden in den USA jedes Jahr ein wenig zu, doch wer sich die Zahlen der »Open-Doors«-Datenbank des Institute of International Education genau ansieht, stellt fest, dass der Prozentsatz der neuen internationalen Studierenden seit 2016/17 abgenommen hat, zuerst um 3,3 Prozent, im Jahr danach um 6,6 Prozent und 2018/19 um 0,9 Prozent.

 

Erster Stopp: Ein bedrohliches Wahlversprechen

Kalifornien, blauer Staat, die letzten vier Wahlsiege gingen an die Demokraten. Hier promovierte Veronika Zablotsky 2019 als eine der ersten im Studiengang Feminist Studies an der University of California in Santa Cruz. Zurzeit ist sie Postdoktorandin am Institute on Inequality and Democracy an der University of California in Los Angeles. Sie ist Mitglied im Beirat des German Academic International Networks (GAIN) in New York City und seit 2013 in den USA.

Vor 2016 gab es Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Aufbruch in den USA, danach wurde die Situation konflikthafter. Ich erinnere mich noch gut an den Wahlkampf damals und Trumps Wahlparole »Make America Great Again« – worauf bezieht sich dieses »wieder«? Es ist die Fantasie einer Rückkehr, ein bedrohliches Wahlversprechen, wenn man bedenkt, dass die USA ein Staatengebilde sind, das durch Enteignung und Versklavung entstanden ist. Darauf sind Machtverhältnisse begründet, die bis heute fortwirken und die USA prägen.

Seit Trump Präsident ist, haben sich die USA sehr auf sich selbst zurückgezogen – sie sind aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten, haben die WHO verlassen, auch die Wissenschaft wurde stark beeinträchtigt. Trump hat viel Verunsicherung geschaffen, er hat den internationalen Austausch erschwert und ausländischen Forschenden und Studierenden, die in die USA kommen wollen, Hürden in den Weg gestellt. Derzeit werden Visa für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingeschränkt und gerade wird diskutiert, ob die Visa für Studierende auf vier Jahre beschränkt werden sollen. Dadurch wäre es für ausländische Studierende unmöglich, in den USA zu promovieren, da eine Promotion dort mindestens fünf Jahre dauert. Es könnte gut sein, dass bei einer Wiederwahl Trumps auch die Beschränkungen für Einreisende aus den EU-Ländern, die es wegen der Pandemie gibt, nicht so bald wieder aufgehoben werden. Dabei handelt es sich noch um eine privilegierte Form der Migration. Bei der menschenrechtswidrigen Behandlung von Asylsuchenden hat sich die US-Regierung unter Trump radikalisiert – was einen Trend fortsetzt, der viel länger zurückreicht, und auch an den EU-Außengrenzen zu beobachten ist.

Ich hoffe, dass nach der Wahl das Vertrauen in die demokratischen Institutionen wiedergewonnen und die gesellschaftliche Spaltung aufgearbeitet werden kann – mit klarem Blick auf den tief verwurzelten Rassismus, der sozialer Ungerechtigkeit historisch und strukturell zugrunde liegt.

Ich bin zwischenzeitlich in Deutschland. Mein Plan ist es, wieder in die USA zu gehen – doch das hängt nicht zuletzt vom Wahlausgang ab.

 

Zweiter Stopp: Angst und Wiedergutmachung

Texas, roter Staat, die letzten vier Wahlsiege gingen an die Republikaner. Stefan Henneking lebt seit vier Jahren in Austin, Texas, wo er seinen PhD in Computational Science, Engineering and Mathematics macht. Er lebt seit 2014 in den USA, damals begann er sein Masterstudium in Atlanta.

Über Politik habe ich mir keine Gedanken gemacht, als ich herkam, aber damals war ja noch Obama Präsident. Ich ging in die USA, weil ich mal woanders leben wollte, weil ich mich nach einem Abenteuer sehnte und die Unis in den USA gut sind. 2016 dann, im Wahljahr, habe ich mir viele Debatten angeschaut, das war unterhaltsam, aber auch surreal. Die Wahl war dann einfach eine große Überraschung – aus den Medien hatte ich eher den Eindruck, dass die Demokraten vorne liegen. Trump als Präsident, das habe ich wie eine Wundertüte wahrgenommen, weil man nicht genau wusste, wofür er steht.

Mit Freunden habe ich seither sehr viel mehr über Politik geredet – Trump war mit seinen Tweets und seinen kontroversen Gesetzesentwürfen ja auch allgegenwärtig. Ein paarmal habe ich mir auch Sorgen gemacht, denn 2017 wollte Trump eine Steuerreform durchbringen, die zur Folge gehabt hätte, dass internationale Studierende ihre Stipendien hätten besteuern müssen. Zum Glück haben sich die Unis dagegen gewehrt, sonst wäre das schon ein finanzieller Schlag gewesen. Schwerer hatten es allerdings einige Freunde von mir, die aus muslimischen Staaten kamen – einige iranische Studierende hatten nach dem Travel Ban Angst, aus den USA auszureisen, weil sie befürchteten, danach nicht mehr einreisen zu dürfen. Ich kenne einige internationale Studierende, die sagen, sie verlassen das Land, wenn Trump gewinnt.

Die internationalen Beziehungen haben unter Trump schon gelitten. Dabei sind die USA ein Einwandererland und das ist ja eine Stärke. Ich habe hier eine wunderbare Vielfalt erlebt und durch den Austausch mit Studierenden aus allen Winkeln der Erde ganz neue Perspektiven kennengelernt.

Mit der Wahl 2020 könnten die Amerikaner zeigen, dass sie die vergangenen vier Jahre als Fehler sehen und dass sie gewillt sind, etwas zu ändern. Ich hoffe, dass Joe Biden gewinnt.

 

Dritter Stopp: Clown vs. Alzheimer

Alabama, roter Staat, die letzten vier Wahlsiege gingen an die Republikaner. Stefanie Hoschka macht hier seit Januar ein Praktikum bei Mercedes-Benz U.S. International, Inc. im Rahmen ihres Studiums der Medienwissenschaften an der Universität Tübingen. Auf Reisen durch die USA sind ihr vor allem Trump-Plakate aufgefallen, Biden-Sticker und Biden-Plakate hat sie kaum gesehen.

Wenn du nach dem typischen Klischee-Amerikaner suchst, dann findest du ihn in Alabama. Hier gibt es sehr viele konservative Menschen, solche, die sich nichts vorschreiben lassen und solche, die sagen: Niemand nimmt mir meine Waffe weg. Es gibt keinen Tag, wo nicht jemand erschossen, angeschossen, erstochen oder angestochen wird.

Doch was ich an den USA schätze, sind die offenen Menschen, bei denen man sich schnell willkommen fühlt. Sie sind interessiert an anderen. Weniger interessiert sind sie an der Wahl. Vor allem die Deutschen haben die Debatten geguckt, sie haben Angst, dass Trump gewinnen könnte. Die Leute in Alabama wissen ja, wen sie wählen wollen. Viele Demokraten allerdings wollen am liebsten gar nicht wählen, weil sie von Biden nicht viel halten. Es ist immer wieder die Rede von einer Wahl zwischen Clown vs. Alzheimer. Ich glaube, die Wahl wird ein knappes Ding.

Ich habe mich oft gefragt, was ich mir von der Wahl erhoffe. Und auch wenn ich Trump als Mensch nicht leiden kann, kann ich nachvollziehen, dass er aus US-Sicht vielleicht gar nicht so verkehrt ist. Denn wenn nun die Demokraten an die Macht kommen und erstmal alles wieder rückgängig machen – im Sinne »Hauptsache das Gegenteil von Trump« – dann befürchte ich, könnte es am Ende noch chaotischer werden.

Etwa 80 Prozent meiner Freunde sind Republikaner, weil sie beim Militär oder bei der Polizei sind oder waren – und als solche haben sie viel Wertschätzung von Trump bekommen und Vorteile genossen. Einer von der Border Patrol hat mal von den Problemen erzählt, die sie an der mexikanischen Grenze haben – er hat von Vergewaltigungen gesprochen und wie die Grenzpolizisten entwaffnet wurden. Da kann ich schon nachvollziehen, dass sie eine Mauer möchten, die das verhindert. Wenn Trump das anders kommunizieren würde, dann könnten mehr Menschen seine Motive verstehen. Wenn ich selbst wählen müsste, wüsste ich allerdings nicht, für wen ich mich letzten Endes entscheiden würde.

 

Vierter Stopp: »Ein rattenverseuchtes Drecksloch«

Maryland, blauer Staat, die letzten vier Wahlsiege gingen an die Demokraten. Im März 2019 trat Aline Gottlieb hier eine Stelle als Postdoktorandin an und forscht seitdem zur Nichtalkoholischen Fettlebererkrankung an der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore, einer der gefährlichsten Städte der USA.

Ich kenne die USA gut, ich war 2005 das erste Mal hier und seitdem fast jedes Jahr, doch Baltimore ist anders. Wenn man Amerikanern erzählt, dass man in Baltimore lebt, dann sagen die: Oh mein Gott, das tut mir leid. Seit einem halben Jahr gab es in unserem Viertel keine Schießerei mehr und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage. Die Stadt ist auch bekannt, weil Trump twitterte, Baltimore sei ein rattenverseuchtes Drecksloch. Der Kommentar wurde als rassistisch aufgefasst, weil die Mehrheit der Bevölkerung Baltimores schwarz ist.

So wie die meisten Städte in den USA ist Baltimore demokratisch, doch wer eine halbe Stunde aus der Stadt rausfährt, sieht die ersten Trump-Flaggen. Er hat unglaublich viele Anhänger und die werden unterschätzt. Trump punktet bei den Menschen, weil er Dinge hinterfragt, die für ihn keinen Sinn machen, und weil er sie ändern will. Er wird oft verschoben dargestellt, dabei ist es doch eigentlich gut, wenn man Strukturen überdenkt, wie die WHO, und sich fragt: Arbeitet sie noch effizient genug?

Und er punktet, weil er sich gegen das von vielen verhasste Establishment richtet. Da hat er einen Vorteil gegenüber Joe Biden. Auch wenn einige Statistiken in linksorientierten Zeitungen belegen wollen, dass der Demokrat weit vorne liegt im Rennen um die Präsidentschaft.

Jedes Medium ist einer Seite mehr oder weniger nahe – da ist es schwierig, sich eine Meinung zu bilden. Mein Mann ist überzeugter Republikaner, kein Trump-Wähler zum Glück, und konsumiert andere Medien als ich. Dann erzählen wir uns gegenseitig, was wir gelesen oder gehört haben und sehen so beide Seiten. Trotzdem führen wir oft anstrengende Diskussionen.

Biden ist nicht mein Wunschkandidat, es braucht jemand Jüngeren. Doch vor allem braucht es bald einen Präsidenten, denn solange die Wahl nicht vorbei ist, herrscht Stillstand. Das heißt, die Reisebeschränkungen, die im März wegen der Corona-Pandemie eingeführt wurden, herrschen noch immer. Erst wenn gewählt wird, kann ich hoffentlich meine Familie besuchen, ohne befürchten zu müssen, dass ich nicht wieder in die USA einreisen darf.

 

Letzter Stopp: Die USA können viel erreichen – auch in Sachen Klima

New York, blauer Staat, die letzten vier Wahlsiege gingen an die Demokraten. 2016 zog Matthias Preindl nach New York City und arbeitete zunächst als Assistenzprofessor, dann als Associate Professor für Elektrotechnik an der Columbia University. Er hat ein Forschungslabor aufgebaut, wo er sich mit E-Mobilität und Effizienzsteigerung beschäftigt.

Ich lebe in Manhattan, New York City. Hier finden nur wenige Wahlkampfveranstaltungen statt, da New York ohnehin demokratisch wählt. Allgemein kann man sagen, dass die USA ein großes Land mit vielen Realitäten sind und diese sehen in den verschiedenen Staaten oft ganz anders aus.

In Bezug auf die Wahlen haben dieses Jahr mehrere wissenschaftliche Organe Wahlempfehlungen ausgesprochen. Das ist sehr ungewöhnlich, denn die Wissenschaft arbeitet für Wissen und Verständnis, und nicht für die Politik. Diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler melden sich nun aber zu Wort; sie wollen auf bestimmte Themenbereiche aufmerksam machen, um die sich alle Menschen sorgen sollten. Der Klimawandel ist hierbei ein ganz zentrales Thema, das noch immer nicht ausreichend thematisiert wird, überall wird zu wenig getan – nicht nur in den USA. Diese Forscherinnen und Forscher fordern dringend eine politische Kehrtwende, ein Umdenken und gut definierte Zielsetzungen.

Der Staat und die Stadt New York engagieren sich stark im Bereich erneuerbare Energien und E-Mobilität. Bis 2045 will dieser Bundesstaat CO2-neutral sein und investiert in diese Forschung; es gibt aber auch Fördermittel auf nationaler Ebene.

Auch ich denke, die US-Regierung sollte sich noch mehr an Initiativen gegen den Klimawandel beteiligen und in erneuerbare Energien investieren. Wir wissen von der Mondlandung, dass die USA innerhalb von relativ kurzer Zeit viel erreichen können, wenn sie sich ein Ziel setzen. Ich bin überzeugt, dass das auch in Sachen Klima funktionieren kann.

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Lissi Pörnbacher ist Redakteurin beim Science Notes Magazin.

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Sandra Teschow ist Art Direktorin des Science Notes Magazin.