In Zukunft werden uns immer mehr Tote begleiten: Unternehmen versprechen digitale Kopien, die nach dem Tod eines Menschen weiterreden, chatten, vielleicht sogar arbeiten. Aber wollen wir sie überhaupt haben in unserer Welt der Lebenden?

 

Text
Katharina Elsner ist freie Journalistin in Rostock, sie arbeitet unter anderem für Magazine, DLF, den NDR und hat gerade für ein Feature über einen politischen Fußballverein in der Provinz einen Journalistenpreis gewonnen. Jetzt plant sie eine wissenschaftsjournalistische Veranstaltungsreihe über Roboter als Freunde und Pfleger im Alter.

 

Seine letzten Nachrichten ploppen am 2. Dezember 2014 auf ihrem Handy auf. Um 17:40 Uhr schreibt er:

Zwei Stunden später:

Drei Tage später ist Chrissi, 18, tot. Ein Autounfall.

Chrissis Mutter, Silke, tippt weiter. Tippt Worte in ihr Handy, sendet rote Herzen und Kuss-Emojis an die Nummer ihres toten Sohnes. Immer wieder nimmt sie sein Handy in die Hand, schaltet es ein, sieht, wie die zwei Häkchen sich blau einfärben. Als ob Chrissi weiterhin ihre Nachrichten lesen würde.

Lorenz Widmaier hat die Chats zwischen Mutter und Sohn dokumentiert und in einer Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur in Kassel veröffentlicht. Der Soziologe schreibt an der University of Technology in Zypern seine Doktorarbeit und fragt, wie wir in unserer digitalen Gesellschaft um Tote trauern. Er hat dafür mit mehr als 30 Interviews mit Hinterbliebenen geführt, auch mit Silke.

Was wäre, wenn Chrissi seiner Mutter noch antworten könnte? Wenn ein Programm jahrelang seine Worte, seine Sprache und Stimme gelesen hätte? Wenn es seine Instagram-Posts, Suchanfragen, Videoanrufe, Interneteinkäufe oder YouTube-Videos gefiltert und destilliert hätte, sodass es eine digitale Kopie vom echten Chrissi ausspucken könnte?

Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit

Es gibt Unternehmen, die genau daran arbeiten: Sie wollen aus den Daten Lebender oder bereits Verstorbener Chatbots oder Avatare erwecken. Microsoft hat kürzlich ein Patent auf so einen Chatbot angemeldet. Auch das soziale Netzwerk Eter9 preiste ein intelligentes virtuelles Ich an, das mit der Welt interagiert, so als ob man noch lebte. Eine Fernseh-Dokumentation aus Südkorea zeigt eine Mutter, die mit Hilfe einer VR-Brille in einer virtuellen Realität auf ihre verstorbene, siebenjährige Tochter trifft. Die Entwickler:innen haben aus Erinnerungen der Familie, aus Fotos und Videos einen kindlichen Avatar gespeist, der in einem Garten hinter einem Holzstapel hervorhüpft und fragt: »Mama, wo warst du? Hast du an mich gedacht?« Auch der Rapper Kanye West hat einen Toten auferstehen lassen: Seiner damaligen Ehefrau Kim Kardashian hat er zum 40. Geburtstag ein Hologramm ihres vor 17 Jahren verstorbenen Vaters geschenkt. Der Hologramm-Vater wünscht ihr alles Gute und sagt, wie stolz er auf sie sei.

Was wäre, wenn unsere Körper altern und sterben, wir aber unser Bewusstsein konservieren könnten wie Pflaumen in Weckgläsern? Wenn wir uns auf Festplatten laden könnten und so niemals im Nichts verblassten, sondern auf ewig als digital Unsterbliche in der Welt herumgeistern? 

Ich rufe eine Handvoll Expert:innen an, die mir Antworten geben sollen: aus der Psychologie, Soziologie, IT, Software-Entwicklung, Politologie und der Philosophie. Eines haben alle gemeinsam: Der Gedanke an eine digitale Unsterblichkeit wühlt sie auf. Der Traum des ewigen Lebens flattert schon lange durch die Welt. Neu ist aber, dass diese Unsterblichkeit mit der Digitalisierung manchen Visionären, es sind vor allem Männer, plötzlich greifbar erscheint. Dabei geht es nicht nur darum, ob wir einen Menschen und seine gesamte Persönlichkeit in einen Code pressen können. Es geht auch darum, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die so etwas wie digitale Unsterblichkeit ermöglicht.

Körper aus Daten, Persönlichkeiten als Codes

Einer dieser Visionäre ist Ray Kurzweil, technischer Direktor bei Google. Ein anderer Nick Bostrom, Philosoph an der Universität Oxford. Oder Peter Thiel, PayPal-Gründer und einer der ersten Facebook-Investoren. Ebenso Multimillionär Dmitry Itskov. All diese Männer hängen einer philosophischen Strömung an: dem Trans- und Posthumanismus. Ihr Ziel: Sie wollen den perfektionierten Menschen formen, seinen Körper aus Daten schweißen. In den Augen dieser Visionäre ist der Mensch nicht mehr als eine sehr komplexe Maschine, die in ihrem Inneren aus Hardware besteht.

Die Technikphilosophin Janina Loh forscht an der Universität Wien zur Roboterethik. Sie sagt, dass der Posthumanismus den menschlichen Körper als das Schmuddelige, Sterbliche und Kaputte betrachte, das abgestoßen werden solle. »Das, was am Menschen essenziell ist, könnten wir demnach auf Daten und Informationen reduzieren.« Wenn Menschen nicht mehr als intelligente Maschinen seien, könnten wir durch sie ersetzt werden oder mit ihnen verschmelzen. Entspricht das unserer Vorstellung vom Menschsein?

»Jede Faser meines Körpers sagt mir, dass es falsch ist, zu sterben.«

Christopher Coenen arbeitet als Politologe am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, das zum Karlsruher Institut für Technologie gehört. Er versteht diese Sehnsucht der Menschen, mit digitalen Kopien nach der Unsterblichkeit greifen zu wollen. »Ich finde den Tod eines jeden Menschen, den ich kenne, unerträglich. Jede Faser meines Körpers sagt mir, dass es falsch ist, zu sterben.« Coenen fasziniert besonders die Idee des Mind-Uploading, die Vision, unser Bewusstsein auf eine Festplatte zu laden. Die Frage ist nur: Was dann?

Es gibt jede Menge Antworten darauf aus Filmen und Serien. In der Science-Fiction-Serie Black Mirror etwa, in der Folge »Be Right Back«, erschafft die Witwe Martha aus Videos, Fotos und der Online-Kommunikation ihres verstorbenen Mannes einen virtuellen Ehemann. Zunächst einen Chatbot, mit dem sie erst schreibt und telefoniert. Als Martha erfährt, dass sie schwanger ist, bestellt sie einen leeren, synthetischen Körper, einen Androiden, der ihrem Mann täuschend ähnlich sieht. Und erweckt diesen Körper mit seinen digitalen Daten zum Leben.

»Ich würde auch lieber als Roboter durch die Welt laufen, als gar nicht mehr durch die Welt laufen.«

Coenen sagt: »Unser Gehirn würde auf einer Festplatte sitzen, aber denken, es würde mit einem blutdurchströmten, sinnlichen Körper weiter existieren.« Unser Gehirn braucht einen Körper. Er sagt: »Ich würde auch lieber als Roboter durch die Welt laufen, als gar nicht mehr durch die Welt laufen. Ich weiß nicht, wie unglücklich ich in diesem Körper wäre.« Doch die Transhumanisten geben auch darauf Antwort. »Sie sagen uns: Du kannst dein Bewusstsein behalten. Du kannst einen jugendlichen Körper haben. Du kannst aussehen, wie du willst.« Wir verschmölzen mit Maschinen – spürten keine Rückenschmerzen, keine Behinderungen, würden nicht krank und auch nicht an Krebs sterben. 

Die Londoner Autorin und Psychologin Elaine Kasket kritisiert genau das. Sie sagt: »Wir bewegen uns auf gefährlichem Terrain, wenn wir uns an Unternehmen wenden, die sich um unser emotionales Erleben kümmern, die Menschen ihren Schmerz nehmen wollen. Das ist ja der utopische Traum, dass die Technologie alles ausbügeln wird, was lästig ist, all die Unannehmlichkeiten, Traurigkeit, Ängste, Zweifel, sogar den Tod.« Die Daten der Toten spülten den Unternehmen Geld in die Kassen und gäben immer noch Informationen über die preis, die als Lebende zurückblieben. Wenn wir unsere Daten in andere Hände geben, wenn wir posten, wie viele Kilometer wir joggen, welches Bild wir liken, bei welcher Anzeige unsere Augen beim Scrollen kurz innehalten, werden wir, lebend oder tot, transparent, kontrollierbar, vorhersehbar. Das sagt auch die Technikphilosophin Janina Loh.

Die Macht der Technologie

Trotzdem: Diese utopischen Träume lernen gerade in ihren Kinderschuhen der Realität zu laufen. Der Unternehmer David Burden sagt, die Persönlichkeit eines Menschen auf einen Chip zu pressen, sei relativ einfach. »Schwieriger ist es, zu entscheiden, welche Daten genau wir auswählen wollen.« Burden ist Geschäftsführer des Software-Unternehmens Daden in Birmingham, das 3D-Welten, virtuelle Menschen und Realitäten entwickelt. Burden beschreibt in seinem Buch Virtual Humans, wie ein digital Unsterblicher aussehen könnte – und welchen Körper er oder sie in unserer Welt überstreifen würde: Der virtuelle Mensch könnte als Textchat aufploppen, E-Mails schreiben, skypen, Social-Media-Beiträge posten oder als Chatbot in einem Sprachassistenten am Frühstückstisch einer Familie schnattern. Oder sich in virtuellen Welten als Avatar und in der physischen Welt als Roboter verkörpern. Vielleicht könnte er alles gleichzeitig sein, Kopien anlegen, sich synchronisieren.

Ein paar Monate vor seinem Tod schreibt Chrissi:

Wie nah, wie realistisch kann und soll ein digital Unsterblicher agieren? Genügt es, wenn wir ein paar Merkmale wie Zutaten aus einem Menschen herauspicken, ein Programm damit füttern, das uns ein akzeptables Gericht präsentiert? Das ein bisschen fad schmeckt, aber satt macht und so seine Funktion erfüllt?

Die Philosophin Janina Loh findet den Gedanken, einen Menschen in seinem Wesen auf einen Datensatz zu reduzieren, absurd. Sie sagt: »Die wenigsten unserer Eigenschaften könnten wir aus dem Gehirn einfach herausfiltern, weder unseren Willen noch unsere Intelligenz oder unseren Humor.« Der Software-Entwickler David Burden dagegen schreibt, was die Essenz eines digital Unsterblichen ausmacht: »Der wichtige Punkt dabei ist, dass fast jeder virtuelle Mensch nur eine effektive Illusion erzeugen muss.« Die Chatbots, das zeigten Tests, müssten nicht viele Worte verlieren. »Sie müssen nur die richtigen Dinge zur richtigen Zeit sagen.« Sie müssten auch kein getreues Bild des Verstorben wiedergeben. »Menschen fällt es leichter, mit digital Unsterblichen umzugehen, wenn die einen Schritt entfernt sind«, sagt Burden. Dieser Effekt heißt Uncanny Valley, das unheimliche Tal. Nach dieser Theorie nimmt unsere Affinität zu Robotern und Künstlichen Intelligenzen zu, je mehr sie Menschen ähneln. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad. Nähern sich Roboter so sehr dem menschlichen Aussehen an, dass wir sie kaum unterscheiden können, finden wir das eher unheimlich und lehnen sie ab. David Burden sagt: »In vielen Fällen ist ein Textchat wahrscheinlich alles, was die Hinterbliebenen wollen, wenn sie zum Beispiel einen Moment der Einsamkeit verspüren oder um Rat fragen wollen.«

Am 4. Dezember 2015 schreibt Mutter Silke: 

Was bleibt den Hinterbliebenen?

Alle Expert:innen sagen mir, dass  die Toten in Zukunft einen größeren Einfluss auf unsere Gesellschaft ausüben werden. Zwar gedenken Menschen schon immer ihrer Ahnen. Nur die Art und Weise ändert sich – und das, was sozial akzeptiert ist. Früher verblassten Erinnerungen wie schwarz-weiße Fotografien. Heute können wir Videos abspielen, Sprachnachrichten und Stimmen anhören und so unser Bild der Verstorbenen wieder fokussieren und scharf stellen. Die Frage ist: Was macht das mit den Menschen, die zurückbleiben?

Jeder Trauerfall sei so einzigartig wie die Beziehung, die wir mit dieser Person hatten, sagt die Psychologin Elaine Kasket. »Trauernde sind Geschichtenerzähler. Sie erzählen ihre Erfahrungen, erschaffen Geschichten über die tote Person und über sich selbst. Und diese Geschichten verändern sich mit der Zeit.« Weit bis ins 20. Jahrhundert hinein geisterte in den Köpfen die Theorie Sigmund Freuds umher, dass Trauern immer Loslassen bedeute, dass Hinterbliebene mit den Verstorbenen abschließen müssten. Heute arbeiten Psycholog:innen wie Elaine Kasket anders. Sie verstehen Trauer als einen Prozess, bei dem Bindungen über den Tod hinaus fortbestehen. Diese Continuing Bonds, die Beziehungen zu den Verstorbenen, ändern sich, aber sie brechen nicht ab. Kasket sagt: »Viele Menschen haben solche Angst vor dem Verlust oder vor dem Ende ihres eigenen Lebens, dass sie sich an die Technologie wenden, um etwas dagegen zu tun. Aber man kann kein Mensch sein, ohne Angst zu haben. Trauer folgt natürlich, wenn ein Mensch sich erlaubt hat, jemanden zu lieben.«

»Man kann kein Mensch sein, ohne Angst zu haben.«

Wenn es also technisch möglich ist, von uns Abziehbilder zu entwickeln, auch wenn sie nur verwaschene Kopien sind, wenn Menschen dafür ihre Daten hergeben und die Politik ethische Fragen einrahmt, bleibt trotzdem die Frage: Wollen Menschen das überhaupt? 

Viele vermutlich nicht. Wir werden vermutlich nicht in einer Welt leben, in der uns ständig digitale Klone über die Schulter schauen. Der Politologe Christopher Coenen erzählt, wie ein Freund einmal zu ihm sagte: »Mit Leichen auf Festplatten rede ich nicht.«

Was aber wahrscheinlich bald in unser Leben treten wird: Virtuelle Assistent:innen, die für uns arbeiten. Als Algorithmen auf unseren Smartphones, die uns lästige Aufgaben abnehmen: auf E-Mails antworten, Termine in den Kalender eintragen, Abos kündigen, Einkaufslisten erstellen. Wenn wir all diese Informationen über uns an eine virtuelle Assistenz übergäben, sagt der Entwickler David Burden, befänden wir uns auf einem schmalen Grat, der uns hin zu einem digitalen Klon führen könne. Aber auch er hat festgestellt, dass Menschen zwar die Idee mögen, sich selbst unsterblich zu machen. »Sie sind allerdings weniger scharf darauf, Kopien von anderen Leuten zu haben. Sie wollen nicht, dass ein Toter sie weiter beobachtet.«

Am 27. Juni 2018 schreibt Silke die letzte Nachricht an die Nummer ihres toten Sohnes: 

Einen Monat später, am 28. Juli 2018, vier Jahre nach seinem Tod, schickt Silke den Nachrichtenverlauf mit ihrem Sohn als Textdatei an ihr Telefon. Druckt sie aus, bindet sie als Buch. Danach löscht sie seine Nummer und schaltet das Handy ab.

 

Text
Katharina Elsner ist freie Journalistin in Rostock, sie arbeitet unter anderem für Magazine, DLF, den NDR und hat gerade für ein Feature über einen politischen Fußballverein in der Provinz einen Journalistenpreis gewonnen. Jetzt plant sie eine wissenschaftsjournalistische Veranstaltungsreihe über Roboter als Freunde und Pfleger im Alter.

 

Inhalt

Unsterblich

In Zukunft werden uns immer mehr Tote begleiten: Als digitale Kopien, die nach dem Tod eines Menschen weiterreden, chatten, vielleicht sogar arbeiten. Aber wollen wir sie überhaupt haben in unserer Welt der Lebenden?

Vergiss es, Bruder.

Vergessen ist kein Unfall. Vergessen ist essenziell für unser Hirn, unser Leben, unsere Gesellschaft – ein aktiver Prozess. Ohne Vergessen wäre Erinnern ein Nichts.

Das dunkelste Kapitel der Physik

Viele Jahre lang suchen zwei Wissenschaftlerinnen den Beweis für die Dunkle Materie. Nicht nur die Theorie macht ihnen zu schaffen – auch die Männerwelt der Physik.

Ein Brocken Nichts

Im Internet ist alles einfach da und irgendwie kommt es zu uns. Dahinter stecken tausende Tonnen Metall und Kunststoff. Drei Studentinnen machen sie greifbar – mit dem BROCKEN.

Sie haben Nichts

Sonja und Petra haben körperliche Beschwerden. Niemand kann erklären, woher sie kommen. Sind sie harmlos oder tödlich? Über den schmalen Grat zwischen Nichts und Etwas in der Medizin.

Wenn das Seil reißt

Über Pannen, gescheiterte Experimente, misslungene Entwicklungen wird nicht gern gesprochen. Doch das Scheitern gehört zu jeder echten Forschung – die Wissenschaft muss lernen, es zu umarmen. Ein Plädoyer.

Nichts bleibt

Barfuß oder Lackschuh,
Alles oder nichts? Die Playlist.

Leere Gedanken

Wer zum ersten Mal meditiert, merkt: Schon bald funken Gedanken dazwischen. Wie erreichen Profis die ersehnte Stille im Kopf? Und was weiß die Neurowissenschaft über diesen Zustand?

Es war Bobobees Idee

Ein Erfinder trifft seine Erfindung wieder – nur kommt sie jetzt aus China. Ein Interview.

Was ich höre

Vier Minuten, dreiunddreißig Sekunden: Nichts. Unsere Autorinnen erzählen von einem Hörerlebnis.