Vergessen ist kein Unfall. Vergessen ist essenziell für unser Hirn, unser Leben, unsere Gesellschaft – ein aktiver Prozess. Seinem großen Bruder hält es den Rücken frei: Denn ohne Vergessen wäre Erinnern ein Nichts.

 

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Bernd Eberhart ist Wissenschaftsjournalist und Redakteur beim Science Notes Magazin. Er schreibt gerne über Bio-, Neuro- und Ökologiethemen und lehrt Wissenschaftsjournalismus an der Uni Tübingen. Bevor er das Science Notes Magazin mitgründete, hat er für verschiedene große Zeitungen und Magazine gearbeitet.

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Vergessen, das ist doch wie dieser schlecht riechende Kerl auf dem Sofa, den keiner eingeladen hat: zu nichts nutze. Oder? Jaja, das ist Vergessen. Ihr wisst schon, der kleine Bruder von Erinnern. Ja genau, Erinnern, dieser smarte Typ mit all den praktischen Informationen! Der immer gestört wird von diesem verdammten Vergessen. Jetzt zündet der sich schon wieder eine Kippe an, hey, man sieht ja gar nichts bei dem Qualm!

Aber halt! Das Vergessen ist kein Zu- und auch kein Unfall. Es ist nichts, was einfach so geschieht. Vergessen kippt nicht aus Versehen seine Bierdose über unser schönes Fotoalbum – hoppla. Sondern es greift aktiv ein und steht ganz ebenbürtig neben seinem beliebten Bruder, Erinnern. Und verpasst ihm hin und wieder einen kräftigen Knuff, damit er auf dem Teppich bleibt. 

Denn ohne Vergessen wäre alles immer da, eine alles erdrückende Flut an Informationen. Erst das Vergessen ordnet die Dinge, schafft Platz für Neues, spart Kraft, putzt, räumt auf: Ey Erinnern, hast du schon wieder überall deine scheiß Socken liegen lassen, Mann! Wer ist hier der Messie, hm? Weg damit, und weg, und weg!

Schauen wir uns das aktive Vergessen doch ein wenig genauer an. Wagen wir einen Trip in dieses gedankliche Nichts-Werden, vom Kleinen ins Große: Wir treffen einen Neurowissenschaftler, der Menschen dabei hilft, den Alkohol zu vergessen. Wir sprechen eine Psychologin, die Erinnerungen in Köpfe verpflanzt – und wieder löscht. Und eine Soziologin, die ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee befragt und erfahren hat, wie das Vergessen von höherer Instanz gesteuert wird – ganz aktiv.

Erste Station: Im Hirn

Der Neuropsychologe Gordon Feld sucht nicht nur die Gedanken im Gehirn, sondern auch das Vergessen. Im weißen T-Shirt sitzt der junge Wissenschaftler in einem weißen Büro, mit großen Kopfhörern auf den Ohren spricht er in seinen Laptop. Er berichtet von zwei wichtigen Theorien über Erinnern und Vergessen: dem Konzept der aktiven Gedächtniskonsolidierung und der Hypothese der synaptischen Homöostase. Diese Theorien wollen erklären, wie Gedächtnisspuren in unsere Köpfe kommen – und zum Teil auch wieder verschwinden.

Bemühen wir zunächst den beliebten Bruder, das Erinnern. Denn: Was macht überhaupt eine Erinnerung aus? Was ist ihre tatsächliche, physische, messbare, festverdrahtete Entsprechung im Gehirn?

Die phänomenale Leistung unseres Gehirns beruht auf seiner Fähigkeit zur Wandlung, auf der neuronalen Plastizität. Laufend werden neue Synapsen geschaffen, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen also. Und die bestehenden Synapsen verändern sich, sie wachsen oder schrumpfen, sie schütten mehr Botenstoffe aus oder weniger und leiten damit Informationen effektiver weiter oder weniger effektiv.

Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass Eindrücke, die wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen, im Anschluss an einen rigorosen Filterprozess zunächst im Cortex verarbeitet werden, also in der Großhirnrinde. Doch damit ein Eindruck zur Erinnerung wird, muss die Information im Gehirn festgeschrieben werden. Dazu werden bestimmte Synapsen verstärkt, sie wachsen – und das lässt sich mit sehr feinen wissenschaftlichen Methoden wirklich beobachten.

In einem Bereich, tief in unserem Gehirn, geht dieser Prozess besonders schnell: dem Hippocampus. Erinnerungswürdige Informationen werden aus der Hirnrinde in diese seepferdchenförmige Hirnstruktur weitergeleitet. Hier, sozusagen im Zwischenspeicher, wird erstmals eine Erinnerungsspur festgeschrieben. Und am Ende eines Tages, wenn unser Gehirn Millionen von Reizen verarbeitet hat und ermattet im Schlaf versinkt, beginnt der Rücktransfer in den Cortex, die Hirnrinde.

»Es wird nicht alles abgespeichert. Das ist eine Frage der Effizienz.«

Im Schlaf können Neurowissenschaftler daher ganz ähnliche Aktivierungsmuster beobachten wie zuvor bei der Aufnahme neuer Informationen: Die Gedächtnisspuren werden vom schnell speichernden Hippocampus in den langsamer speichernden Cortex verlagert. Und dort nachhaltiger festgeschrieben. Gordon Feld und seine Kolleg:innen sprechen von »Active Systems Consolidation« –der aktiven Gedächtniskonsolidierung. »Das ist wie bei einem Lehrer und seinem Schüler«, beschreibt Feld. »Der Hippocampus diktiert, der Cortex schreibt auf.« 

Feld betont, dass man sich die Ausbildung einer solchen Langzeit-Gedächtnisspur nicht wie ein Foto auf der Speicherkarte vorstellen darf: »Es werden nicht alle sensorischen Informationen abgespeichert. Denn wir haben von vielen Dingen schon Konzepte im Kopf, es werden nur die Zusammenhänge gespeichert.« Das Gehirn rekonstruiert daraus die Erinnerungen. »Das ist eine Frage der Effizienz,« erklärt Feld. Und auch der Grund, warum es zu Gedächtnisfehlern kommt.

Filtern und vergessen

Soweit zum Erinnern. Das Vergessen setzt unmittelbar mit den ersten Reizen eines Sinnesorgans ein: Schon die vielen Filterfunktionen des Gehirns könnten als aktives Vergessen bezeichnet werden. Vergessen findet immer und überall im Gehirn statt. Gordon Feld konzentriert sich allerdings auf einen Prozess: das Vergessen im Schlaf.

»Wir wissen, dass die biologischen Prozesse des Erinnerns sowohl Energie als auch Platz brauchen«, sagt er. »Da ist es nur logisch, dass es eine Kapazitätsgrenze gibt. Es muss einen Prozess geben, der alles wieder runterfährt, ohne gleich das ganze Gedächtnis zu löschen.« Jemanden, der abends alles in Ordnung bringt, der die vielen Socken einsammelt, die kaputten in den Müll schmeißt und den Rest in den Schrank. Denn sobald eine Gedächtnisspur in den Cortex übertragen wurde, ist sie im Hippocampus redundant. Sie muss dort gelöscht werden – aktiv. Der italienische Neurowissenschaftler Giulio Tononi gab diesem Phänomen einen Namen: die Synaptische Homöostase.

»Es muss einen Prozess geben, der alles wieder runterfährt, ohne gleich das ganze Gedächtnis zu löschen.«

Wissenschaftler hätten in ihren Messungen viele Hinweise gefunden für ein solches selektives Herunterregeln im Schlaf, berichtet Gordon Feld. Aber wie oft in den Neurowissenschaften ist ein klarer Beweis extrem schwierig. Denn wenn eine Wissenschaftlerin bei einem Probanden zum Beispiel Gehirnaktivität im Schlaf misst – sieht sie dann die Verstärkung einer Gedächtnisspur? Oder sieht sie, wie diese aktiv gelöscht wird? Wie lässt sich das unterscheiden?

Japanische Forscher:innen um Akihiro Yamanaka von der Universität Nagoya haben ein interessantes Puzzleteil gefunden für dieses Rätsel. In einem Artikel im Wissenschaftsjournal Science aus dem Jahr 2019 beschreiben sie die sogenannten MCH-Neuronen, die »aktiv zum Vergessen im Schlaf beitragen«. Diese Nervenzellen sind besonders aktiv während des R.E.M.-Schlafs, einer Schlaf-Phase, die gekennzeichnet ist durch schnelle Augenbewegungen. Für ihre Versuche nutzten die japanischen Wissenschaftler:innen nun gentechnisch veränderte Mäuse, bei denen sie die MCH-Neuronen im Schlaf gezielt abschalten konnten: Im Experiment präsentierten sie den Mäusen zwei Spielzeuge. Am nächsten Tag, nachdem die Tiere geschlafen hatten, tauschten die Forscher:innen eines der Objekte aus. Die Mäuse mit künstlich abgeschalteten MCH-Neuronen interessierten sich nur für das neue Spielzeug – das altbekannte war ihnen zu langweilig. Die Tiere mit normal aktiven Neuronen dagegen erschnüffelten beide Objekte, als wären sie ihnen noch nie begegnet. Akihiro Yamanaka schließt daraus, dass die MCH-Neuronen den unveränderten Mäusen dabei geholfen haben, eine Information zu vergessen – und zwar eine, die nicht wichtig ist: die Erinnerung an ein harmloses Spielzeug. 

Also, haben die Japaner:innen tatsächlich das Vergessen abgeschaltet? »Na ja«, sagt Gordon Feld. Die japanische Studie sei sehr wichtig, technisch auf dem allerneuesten Stand, extrem aufwendig gemacht, schiebt er schnell vor. »Aber wirklich zeigen konnte sie das Vergessen auch nicht.« Denn auch hier lässt sich nicht genau unterscheiden, ob die MCH-Neuronen tatsächlich aktives Vergessen steuern oder eher die Gedächtniskonsolidierung blockieren – ob sie also die Socken gezielt in den Müll schmeißen oder nur verhindern, dass sie richtig in den Schrank sortiert werden. »Denn beides hätte ja eine schlechtere Erinnerung zur Folge«, erklärt Feld.

Den Durst löschen

Die biologische Realität des Vergessens, so wirklich ganz greifen können sie derzeit also weder Akihiro Yamanaka noch Gordon Feld. Der sagt: »Aber für einen Teil meiner Arbeit ist mir erstmal egal, wie das genau funktioniert.« Wichtiger ist ihm, dass es funktioniert. Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim arbeitet er unter anderem mit Suchtpatient:innen. »Bei ihnen spricht man von fehlangepassten Erinnerungen, einem Suchtgedächtnis. Wenn sie zum Beispiel eine Flasche Bier sehen, haben sie den Drang, die auszutrinken. Den würden wir natürlich gerne löschen.« 

In der Regel sind die Patient:innen in Mannheim für drei Wochen stationär in Behandlung. Die Therapie besteht beispielsweise aus einem klassischen, psychologischen Extinktionstraining, bei dem die Betroffenen lernen müssen, ihr Verlangen bewusst zu unterdrücken. Zusätzlich forscht Gordon Feld aber an einer Methode, die sich das aktive Vergessen im Schlaf zunutze machen will. Für eine Studie im Sommer 2021 plant er, die Suchtpatient:innen zunächst in einem Hirnscanner zu untersuchen. Darin bekommen sie Bilder und den Geruch von Alkohol präsentiert – was sich in Felds Messdaten sofort in ungewöhnlich hohen Aktivitätsmustern in bestimmten Hirnbereichen bemerkbar machen wird. »Danach kommen die Probanden ins Schlaflabor. Und im Schlaf präsentieren wir einem Teil von ihnen wieder den Alkoholgeruch. Der andere Teil, die Kontrollgruppe, riecht einen anderen starken Duft, Leder zum Beispiel oder Teer.« Die Forscher spekulieren, dass sie bei den Proband:innen einen aktiven, neuronalen Vergessensprozess anstoßen können – dass sie das Vergessen also genau darauf abrichten können, die vielen Bierflaschen aus dem Kopf zu räumen.

Am nächsten Tag wird Feld die Teilnehmer:innen dann wieder in den Hirnscanner stecken. Und hofft, in den relevanten Hirnarealen eine weniger starke Reaktion auf die Alkohol-Reize zu sehen – und zwar bei den Leuten, denen im Schlaf, genau in der richtigen Schlafphase, Schnapsgeruch um die Nase wehte. Welche Nerven und Abläufe ganz genau an diesem Vorgang beteiligt sind, wissen Feld und seine Kolleg:innen nicht im Detail – noch nicht, zumindest. »Aber wir hoffen, dass wir so das Verlangen nach Alkohol im Schlaf extingieren können«, sagt Feld – dass sie den Durst also aktiv vergessen machen.

Zweite Station: Im Geist

Genauso, wie wir Menschen uns wünschen, zu erinnern, wünschen wir, zu vergessen. Nicht alles natürlich, doch so manches. Aber hier wird das Vergessen bockig: Kann man dem Erinnern oft eine gewisse Schludrigkeit vorwerfen, verweigert das Vergessen schlichtweg den Dienst. Schmeißt den Putzlappen in die Ecke und lässt einen Riesenhaufen Dreck einfach so rumliegen. Wieso denn Dreck? Das ist wichtig!

Eine Erinnerung einfach so löschen, eine von den hässlichen, peinlichen, unbequemen – wie herrlich wäre das, wie befreiend! Es wäre fast, als würde man etwas ungeschehen machen. Der Psychologin Aileen Oeberst ist das gelungen. Sie hat das Vergessen benutzt, hat ihm einen Lappen in die Hand gedrückt und es gezielt in die Ecke geschickt. Aber bevor nun lauter Vergessenswillige das Telefon heiß klingeln in Gebäude 5, Raum C 018 an der Fernuniversität in Hagen: Hier fehlt noch ein Detail. Aileen Oeberst hat nicht nur das Vergessen benutzt. Sondern zuvor auch schon das Erinnern. Sie hat die Sache einfach umgedreht: Hat aus dem Nichts eine Erinnerung gemacht. Eine falsche Erinnerung, die sie unschuldigen, aber immerhin freiwilligen Menschen in den Kopf verpflanzt hat.

»Erinnerungen sind gefärbt durch Aktuelles, durch Stimmungen. Erinnern ist ein sehr aktiv konstruierender Prozess.«

Auf Bildern sieht Frau Oeberst gar nicht so aus, wie man sich Menschen vorstellt, die einfach Gedankenpflanzen in fremde Köpfe setzen: Sie trägt kurze Wuschelhaare und ein fröhliches Lächeln, auch am Telefon wirkt sie sehr nett. Und erzählt auch erst vom Erinnern: »Das Gedächtnis funktioniert auf keinen Fall wie ein Rekorder«, sagt sie, ähnlich wie zuvor Gordon Feld. »Erinnerungen sind beeinflusst von dem, was ich zwischendrin gelernt und erfahren habe, sie sind gefärbt durch Aktuelles, zum Beispiel von meiner Stimmung. Und Lücken in der Erinnerung füllen wir auf und merken das gar nicht, zum Beispiel mit Stereotypen für irgendein typisches Verhalten. Erinnern ist immer ein sehr aktiv konstruierender Prozess.« 

Blöd ist das, wenn eine Erinnerung richtig zählt. Bei einer Zeugenbefragung vor Gericht etwa. Manchmal trumpft der große Bruder da auf: also das war so, und dann hat der so, und da war dann noch… Er rekonstruiert aktiv, erschafft eine bunte Komposition aus dem Tatort letzten Sonntag, Anekdoten von Freund:innen und tatsächlich selbst Erlebtem. Gar nicht so selten sind Erinnerungen also schlichtweg falsch und können etwa einen Unschuldigen belasten. Aileen Oeberst wollte nun herausfinden, wie leicht eine solche falsche Erinnerung in unsere Köpfe gelangt. Ihre kurze Antwort: »erschreckend leicht«.

»Mit zwölf bist du doch in Italien verlorengegangen. Du kannst dich bestimmt erinnern…«

Dafür haben sie und ihre Kolleg:innen mit rund 50 Proband:innen über deren Kindheit geredet. Vor allem über vier unangenehme, aber nicht traumatische Erlebnisse zwischen dem vierten und dem 14. Lebensjahr. Zwei dieser Ereignisse waren tatsächlich passiert, das hatte Oeberst zuvor von den Eltern der Teilnehmer:innen erfahren. Zwei davon hatte sie erfunden. Per Suggestion ließ ein Psychologe aus Oebersts Team diese in den Köpfen aber immer plastischer werden: »Deine Eltern haben gesagt, dass du mit zwölf im Italienurlaub verloren gegangen bist. Erzähl mal, wie war denn das? Lass dir Zeit, versetz dich nochmal in den Kontext hinein. Du kannst dich bestimmt erinnern…«

Fragile Fakes

»Manche konnten dann sofort was dazu erzählen«, berichtet Oeberst. »Andere haben erst langsam versucht, etwas zu rekonstruieren.« Dafür bekamen sie viel Zeit: In den folgenden zwei Wochen fanden zwei weitere Sitzungen statt. In der Zwischenzeit leistete Erinnern ganze Arbeit: Also, angefangen hat das in dieser Eisdiele mit dem leckeren Haselnusseis, und ich hatte mein rotes Kleid an, und da war dann dieses Mädchen mit dem Hund… Die Teilnehmer:innen hätten teilweise richtige Geschichten erzählt, berichtet Oeberst: »Wir unterscheiden zwischen einer falschen Überzeugung, also dem Glauben, dass etwas stattgefunden hat. Und einer falschen Erinnerung – die richtig plastisch ist, mit vielen Details.« Über die Hälfte der Proband:innen hatten nach diesen beiden Sitzungen richtig echte, plastische, falsche Erinnerungen.

Jetzt kommt aber der eigentliche Sinn der Aufgabe: das Löschen dieser Fake-Erinnerungen. Die Psycholog:innen hätten es sich leicht machen können und sagen: »Haha, das mit Italien, das haben wir nur erfunden.« Aber im richtigen Leben, vor Gericht zum Beispiel, da weiß man eben nicht, was echt ist und was falsch. Darum bat der Interviewer die Teilnehmer:innen, nochmal genau nachzudenken, genau zu trennen zwischen eigenen und fremden Quellen. Er klärte auf, was die Forschung über falsche Kindheitserinnerungen weiß. Und er bat die Teilnehmer:innen, Bescheid zu geben, falls sie in der Hinsicht einen Verdacht hätten. Diese Prozedur überlebten nur wenige der Fakes: Das Level falscher Erinnerungen ging auf ein normales Ausgangsniveau zurück – wohingegen wirklich Erlebtes deutlich stabiler in den Köpfen verbleibt. Aileen Oeberst konnte die Fakes also zum großen Teil wieder löschen.

Die Stufen des Vergessens

Vergessen funktioniert in verschiedenen Etappen, erklärt Oeberst, mit jedem Schritt wird eine Erinnerung immer schwerer zugänglich: Zunächst ist sie einfach präsent und im »Free Recall« abrufbar, wie Psycholog:innen das nennen.

Später muss man Erinnern ein wenig anstupsen, man muss es vom Sofa jagen, ihm ein paar Stichwort-Häppchen servieren: Abruf im sogenannten »Cued Recall«. 

Dann wird Erinnern einsilbig. Man hält ihm ein Fahndungsfoto hin. Kennste den? Jo. Fortgeschrittenes Vergessens-Stadium also: »Recognition«. 

Irgendwann ist dann nichts mehr zugänglich. Und das ist auch gut so, sagt Oeberst: »Vergessen ist total wichtig. Wenn wir alles erinnern würden, wären wir total überfrachtet.« 

Aber das, was sie in ihren Versuchen gemacht haben, Frau Oeberst, dieses Wegwischen von Erinnerungen – geht das auch in echt? »Tja, schwierig. Nein, utopisch. Vergessen im Sinne von ›Löschen‹ funktioniert nicht.« Erinnern sei leicht. Man könne ein Erlebnis ja immer wieder abrufen, aufschreiben, anschauen. Aber vergessen: »Wie sollten wir das machen?« Vergessen gibt sich kapriziös – es lässt sich nicht einfach gegen seinen großen Bruder anstacheln. Aber man kann mit ihm arbeiten, erklärt Oeberst: »Man kann Erinnerungen ergänzen und umdeuten, man kann sie anders einordnen und vielleicht sogar positiv überschreiben. Das kann funktionieren.«

Dritte Station: In der Gesellschaft

Auch Umberto Eco war überzeugt: Die »Ars oblivionalis«, die Kunst des Vergessens, ist unmöglich. An einem lustigen Abend, so geht die Geschichte, hatte sich der Philosoph und Schriftsteller mit Freunden zusammen Künste und Wissenschaften ausgedacht, die es nicht geben kann. Rund 20 Jahre später veröffentlichte er im Mai 1988 seine Gedanken dann als Essay: Im Gegensatz zum Erinnern sei ein aktives Vergessen zum Scheitern verurteilt – denn sobald man sich vornehme, etwas zu vergessen, würde man sich ja daran erinnern, dass man es vergessen will. Mist.

»Vergessen machen ist eine Chiffre für Delegitimierung.«

»Das gilt auch auf institutioneller oder gesellschaftlicher Ebene«, sagt Nina Leonhard am Telefon. Die Soziologin arbeitet fürs Militär: Sie ist Projektleiterin im Forschungsbereich Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. »Ein ›Daran sollst du nicht mehr denken‹ lässt sich viel schwieriger umsetzen als eine verordnete Erinnerung.« Dennoch kommen unterschiedliche Methoden und Techniken des Vergessenmachens zum Einsatz, besonders zuverlässig im Schlepptau von Machtwechseln und Systemumbrüchen. Leonhard erklärt: »Auch auf gesellschaftlicher Ebene ist Erinnern immer eine Rekonstruktion der Vergangenheit. Eine Selektion, und zusätzlich eine Frage der Deutung, der Bewertung.« War etwas gut, schlecht, wichtig? War es gefährlich oder geradezu vorbildlich, einzigartig genial oder völlig bescheuert? Ein aktives Vergessen bezieht sich hier also eher auf den Rahmen, den Kontext einer Idee oder eines Ereignisses. Und damit auf dessen Gültigkeit. Das gesamtgesellschaftliche Vergessen schmeißt also nichts weg. Es packt nur manche Sachen neu ein für seinen großen Bruder: Guck mal, was hier auf der Verpackung steht: so viele Kalorien! Und abgelaufen ist es auch noch. Das schmeckt bestimmt nicht mehr, hm?

Sprengen, versenken, einschmelzen: Dinge zum Vergessen

»Vergessen machen«, erklärt Nina Leonhard, »ist also eher eine Chiffre für Delegitimierung.« Festmachen lässt sich das an materiellen Dingen, die Erinnerungen konservieren sollen: Was im Privaten der Ehering ist, kann im größeren Rahmen zum Beispiel eine Statue sein, ein Denkmal, ein Straßenname oder eine Mahntafel. Oder an Ritualen: Die goldene Hochzeit zelebriert die Erinnerung an eine große Liebe, der bundesweite Feiertag erinnert an gesellschaftliche Einigkeit. Strategien des Vergessenmachens zielen nun auf eine Abschaffung oder Umdeutung dieser Erinnerungshilfen. Der Ehering wird eingeschmolzen, Denkmäler im Fluss versenkt, Statuen gesprengt. Straßen werden umbenannt und Gedenktage umgedeutet. Vergessenspolitik bedeutet also selten, komplettes Vergessen anzuordnen. Sondern, aktiv an der Deutungshoheit zu arbeiten.

Solche Prozesse der Umdeutung und der Disqualifizierung hat Nina Leonhard an einem konkreten Beispiel beobachtet. In einem abgeschlossenen Projekt hatte sie ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) befragt, den Streitkräften der DDR. »Ich wollte wissen: Was passiert mit Angehörigen einer Armee, deren Staat untergegangen ist?« Wie wurden sie nach der Wende in die Bundeswehr integriert? Lassen sich die treuen Diener einer feindlichen Ideologie einfach so in neue Strukturen aufnehmen? Was muss ganz dringend aus ihren Köpfen raus, was soll dafür rein, und: Muss man sie nicht auch noch ein bisschen bestrafen für ihren alten Arbeitgeber?

Klar ist: Bei ihrer Integration in die Bundeswehr wurden die NVA-Soldaten oft degradiert. »Und eine Nicht-Anerkennung, eine Nicht-Berücksichtigung führt irgendwann auch zu einer Art institutionell vorgegebenem Vergessen.« Nina Leonhard hat sich dafür Regelungen und Verfahren angeschaut, sie hat recherchiert, welche Zertifikate oder Dienstgarde anerkannt wurden und welche nicht. Außerdem hat die Soziologin über viele Stunden hinweg Interviews mit Ex-NVA-Soldaten geführt. »So konnte ich herausfinden: Was wird berichtet, was wird eher ausgelassen? Wie positionieren sich die Betroffenen zu den verschiedenen Maßnahmen, und wie stecken sie zum Beispiel eine Abwertung weg?« Die Summe der Einzelerfahrungen zeichnet so ein immer deutlicheres Bild der Ereignisse – und lässt auch das angeordnete Vergessen greifbarer werden.

Das Vergessen archivieren

Schritt für Schritt näherte sich Leonhard einer Vergessenspolitik der Nachwende an, wie sie die Bundeswehr betrieben hat. »Die NVA als Institution wurde dabei diskreditiert«, berichtet Leonhard, »und ganz deutlich als Teil der Vergangenheit klassifiziert.« Das war die Voraussetzung dafür, erklärt Leonhard, dass NVA-Personal in die Bundeswehr integriert werden und eine »Armee der Einheit« entstehen konnte.

Welche Dinge verblassen einfach mit der Zeit, weil sie nicht mehr wichtig sind? Und welche Erinnerungen werden bewusst unterdrückt? Für Leonhards Arbeit ist es wichtig, diese Unterschiede herauszuarbeiten, zu konservieren – und nicht nur die Erinnerungen, sondern auch den Prozess des Vergessens zu archivieren.

»Vergessen bietet auch die Möglichkeit für einen Neuanfang.«

Sie selbst komme, wie sie es nennt, »aus der Vergangenheits-Aufarbeitungs-Ecke. Da heißt es immer: ›Wir müssen erinnern.‹« Und trotzdem, sagt Nina Leonhard, sei es manchmal auch gut, einfach zu vergessen – etwa, wenn sich verschiedene Volksgruppen bekämpft haben. »Denn Vergessen bietet auch die Möglichkeit für einen Neuanfang.«

Man muss ja nicht gleich alles vergessen. Genauso, wie man nicht alles erinnern will. Am Ende ist es, wen wundert es, die richtige Balance, die zählt, auf allen Ebenen – trotz all ihrer Streitereien sind die beiden Brüder doch eigentlich ein ziemlich duftes Team. Und so spazieren sie gemeinsam in den Sonnenuntergang, sie rauchen und lachen und werfen sich Dinge zu. Ab und zu fällt etwas herunter, aber das ist nicht so schlimm.

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Bernd Eberhart ist Wissenschaftsjournalist und Redakteur beim Science Notes Magazin. Er schreibt gerne über Bio-, Neuro- und Ökologiethemen und lehrt Wissenschaftsjournalismus an der Uni Tübingen. Bevor er das Science Notes Magazin mitgründete, hat er für verschiedene große Zeitungen und Magazine gearbeitet.

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