Wer als Kind ein Trauma erlebt, leidet oft ein ganzes Leben lang. Eine Traumatherapie kann helfen – doch es gibt viel zu wenige Therapieplätze für Kinder. Kann eine digitale Plattform das ändern?

Text
Lissi Pörnbacher

Im Therapiezimmer saß ein Junge, der Vater hatte die Mutter umgebracht. Er sagte: »Ich werde nie wieder eine glückliche Kindheit haben.« Patrick Fornaro erinnert sich, wie sehr ihn dieser Satz mitgenommen hat. Es war einer seiner ersten Traumafälle, der Psychotherapeut dachte damals: »Wie recht er hat.«

Nach der Sitzung mit dem Jungen war Patrick Fornaro erschüttert. Als psychologischer Psychotherapeut ist es Fornaros Aufgabe, seinem Patienten Halt zu geben: Der Junge soll das Gefühl haben, er ist hier sicher und er kann alles erzählen, sein Therapeut hält das aus. Und dennoch sind Traumatherapeut:innen immer wieder mit Schicksalen konfrontiert, die das Aushalten zu einer Herausforderung machen.

Halt geben – auch digital

Fornaro ging ins Nebenzimmer, sprach mit einer erfahrenen Kollegin, die sagte: »Du kannst diesem Jungen seine Eltern nicht zurückgeben. Aber aus anderen Verläufen wissen wir, dass es für diese Kinder nach erfolgreicher Psychotherapie weitergehen kann, dass sie wieder zurück ins Leben finden.« Heute sagt Fornaro: »Dieser Halt, den mir meine Kollegin damals gegeben hat, das war meine Rückendeckung – nur damit kann ich meinen Patienten Rückendeckung geben.«

Ein Gespräch wie dieses könnte bald so aussehen:

Patrick schreibt… »Heute bin ich im Gespräch mit einem Patienten emotional an meine Grenze gekommen. Kennt ihr das? Was hilft euch, damit umzugehen?«

3 Herzen, 4 Daumen hoch, 9 Kommentare

Ein digitaler Raum soll bieten, was weite Entfernungen, kleine Räume und eine Pandemie verhindern: Austausch, gegenseitige Unterstützung, Hilfe, ein nettes Wort, andere Ansätze, neue Ideen. Trauma.help heißt der Raum, den Patrick Fornaro und seine Kollegin Nicole Szesny-Mahlau gegründet haben, er soll eine Plattform werden, auf der sich fast unbegrenzt viele Traumatherapeut:innen aus allen Ecken Deutschlands oder von noch weiter weg treffen und vernetzen können. Gerade in der Traumatherapie mit Kindern sei das hilfreich, sagt Nicole Szesny-Mahlau. Sie hat lange Erwachsene therapiert und gedacht, sie hätte alles gesehen, schwierige Verläufe, tragische Fälle. Doch ihre erste Traumatherapie bei einem Kind war doch eine Herausforderung. Sie erzählt: »Damals arbeitete ich in der Ambulanz und es tat gut, Zuspruch von Kolleg:innen zu bekommen, die sagten: ›Wenn’s schlecht läuft, komm vorbei und wir reden darüber.‹«

In der »virtuellen Ambulanz«

Genau so soll es auf der Webseite funktionieren – nur eben online als »virtuelle Ambulanz«. Nach einem Klick auf www.trauma.help öffnet sich ein Schaufenster für Interessierte und all jene, die Hilfe suchen. Nur zertifizierte Psychotherapeut:innen können sich registrieren und einloggen und durch die verschiedenen Apps scrollen. In der virtuellen Bibliothek gibt es Material zur Weiterbildung, im Newsfeed wird ein Buch vorgestellt, ein Aufruf ist gepostet, eine neue Therapiemethode wird diskutiert, Persönlichkeiten der Traumatherapie werden interviewt. In den Fallkonferenzen können die Mitglieder schwierige Fälle besprechen. Und zur Selbstfürsorge gibt es Meditationsvideos und einen Zoom-Link für ein Selbstfürsorgetreffen, das regelmäßig stattfindet. Wer auf »People« klickt, sieht eine Art Telefonbuch: Die Therapeut:innen beschreiben in einem Profil, was sie genau machen, wo sie arbeiten, welche Methoden sie kennen, welche Erfahrungen sie mitbringen, wie sie erreicht werden können. Ein Klick auf »Connect«führt zum Herzstück der Seite: Auf diesem Kanal für Chat und Austausch können die Therapeut:innen Therapieplätze suchen für Patient:innen, die sie nicht in ihrer eigenen Praxis aufnehmen können, und sie können sich zu Intervisionen verabreden, zu kollegialen Beratungen.

Trauma.help will mit diesen Apps gleich mehrere Probleme lösen: Hier sollen die Erfahrungen von vielen Traumatherapeut:innen abrufbar sein und geteilt werden, es sollen Diskussionen geführt werden können – ortsunabhängig und zeitnah. Vor allem aber soll die Plattform mehr Therapeut:innen dazu ermutigen, Therapieplätze für traumatisierte Kinder und Jugendliche anzubieten. Nicole Szesny-Mahlau sagt: »Es besteht ein Ungleichgewicht zwischen der Zahl an Kindern, die eine Therapie brauchen, und der Zahl derjenigen, die Traumatherapie für Kinder anbieten. Darum wollen wir Therapeut:innen engmaschiger und spezifischer unterstützen. Wir haben gewonnen, wenn sich dadurch mehr Therapeut:innen ermutigt fühlen, Therapieplätze für Kinder anzubieten.«

Mehr Hilfe für traumatisierte Kinder?

Im deutschsprachigen Raum gibt es 1.304 zertifizierte Traumapsychotherapeut:innen, nur 387 sind auf Kinder und Jugendliche spezialisiert. Der Bedarf an Traumatherapie ist weit größer. »Allein im Traumahilfezentrum München wenden sich jede Woche im Schnitt 23 Personen an uns, die einen Therapieplatz suchen«, sagt Ingrid Wild-Lüffe. Sie ist seit mehr als 40 Jahren Psychotherapeutin, außerdem ist sie im Vorstand der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) zuständig für den Themenbereich Ambulante Versorgung. Die DeGPT ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, ihre Mitglieder sind Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und andere Personen, die in ihrem Beruf mit Menschen mit Traumafolgestörung in Berührung kommen. Wild-Lüffe muss viele Patient:innen weiterverweisen: »Meine Kolleg:innen und ich sind alle voll. Wir müssen die Hilfesuchenden oft wegschicken, ohne ihnen adäquate Hilfe anbieten zu können. Das verstehen diese bereits seelisch schwer verletzten Menschen oft als: ›Ich bin zu schwierig, mir kann niemand helfen.‹«

Ob ein digitales Netzwerk die Situation ändern kann? Christiane Eichenberg ist Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und forscht unter anderem zur Nutzung moderner Medien im gesamten Spektrum der klinisch-psychologischen Intervention, sie sagt: »Meiner Erfahrung nach sind Traumatherapeut:innen bereits gut vernetzt, in Intervisions- und Supervisionsgruppen, aber auch über ihre Fachverbände. Eben weil sie in ihrer Ausbildung gelernt und in ihrem Berufsalltag erfahren haben, dass zur Psychohygiene von Traumatherapeut:innen ein gutes soziales Netzwerk gehört, zu dem auch Kolleg:innen zählen.«

»Der Mangel an Traumatherapeut:innen kann so nicht beseitigt werden.«

Ingrid Wild-Lüffe sagt, sie wird Trauma.help unterstützen, doch was das große Ziel der Plattform angeht, ist sie skeptisch: »In einem Netzwerk kann man sich austauschen, über Schwierigkeiten bei der Arbeit sprechen, Rat von Kolleg:innen einholen, wenn es um die diagnostische Einschätzung bestimmter Symptome geht. Eine Vernetzung ist auch eine gute Möglichkeit, Kolleg:innen Rückhalt zu bieten, wenn sie oftmals gegen das Gesundheitssystem antreten müssen, um das Beste für ihre Patient:innen herauszuholen. Aber der Mangel an Traumatherapeut:innen kann dadurch nicht beseitigt werden. Hier ist die Politik gefordert!«

Trauma.help ist bislang noch ein Versuch, ein Testballon, der sich über die nächsten Monate bewähren kann. Um deutlich zu machen, was sie zu diesem Versuch antreibt, erzählt Nicole Szesny-Mahlau eine Geschichte, die sie oft erzählt: Vor Jahren hatte sie eine Patientin, die zu ihr kam und nicht mehr leben wollte. Schon als Kind fühlte sie sich nicht gewollt, ihre Mutter war Alkoholikerin, der Vater häufig abwesend, ihr Leben lang hatte sie das Gefühl, niemand sei für sie da. Nach der Therapie ging es ihr gut wie noch nie. Da war sie um die 50 Jahre alt. Szesny-Mahlau sagt: »Wenn sie früher Hilfe bekommen hätte, dann hätte sie ein vollkommen anderes Leben führen können.«

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Lissi Pörnbacher

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