Selbst erfahrenen Psychiatern* fällt die Vorhersage schwer, wer eine Wahnerkrankung entwickelt. Künstliche Intelligenzen sind ihnen schon heute darin überlegen. Ersparen sie Leid – oder beschneiden sie Rechte?

Text
Nike Heinen

Wie ein Knäuel aus nervösen Schlangen winden sich die Finger des Jungen auf dem grauen Kliniktisch. Mit fahriger Stimme erzählt er von den seltsamen Beobachtungen, die er in letzter Zeit macht. Wenn ein Auto an seinem Fenster vorbeifährt, hört der Motor nicht mehr auf zu brummen, auch dann nicht, wenn der Wagen schon lange außer Sicht ist. Aber das kann doch nicht sein? Wenn er in der U-Bahn fährt, starren ihn alle an, er spürt ihre Blicke auf seinem Rücken. Nur wie ist das möglich? Und am seltsamsten: Während er in der Schule ist, scheint jemand in seinem Zimmer die Sachen zu verstellen, immer nur ein paar Zentimeter nach rechts oder links, alles sieht ganz ähnlich aus wie sonst, aber dennoch wirkt es ganz anders, und er spürt eine fremde Präsenz. Das ist nicht mehr sein Leben, das ist ein Horrorfilm. »Das fühlt sich schrecklich an. Kann das denn alles echt sein?«

»Manchmal produziert das Gehirn Gespenster.«

Physikalisch geht es nicht, neurologisch schon. Manchmal produziert das Gehirn Gespenster. Was der 16-Jährige in diesem modellhaften Fall aus der Erinnerung eines Psychiaters empfindet, das nennen Psychiater Attenuierte Psychotische Symptomatik (APS). Die Nervenzellnetzwerke im Kopf sortieren Sinneseindrücke nicht mehr genau, also geht die Wahrnehmung eigenwillige Wege, Eindrücke entstehen, die nicht mehr zur Realität passen. Aber anders als beim vollentwickelten Wahn, einer psychotischen Erkrankung, nehmen die Betroffenen durchaus wahr, dass das so nicht real sein kann.

Diese innere Referenz für Realität kann aber zunehmend verschwinden. Die seltsamen Empfindungen könnten Vorboten einer schweren Wahnerkrankung sein, von einer Schizophrenie, der nahe verwandten schizoaffektiven Störung oder manischen Episoden. Könnten, müssen aber nicht. Nur einen von fünf der üblicherweise jungen Verzweifelten trifft dieses Schicksal. Auch sehr erfahrene Psychiater sind nicht besonders gut darin vorherzusagen, wen. Künstliche Intelligenz schon.

Für die frühzeitige Therapie Betroffener eröffnet die Technik ganz neue Chancen. Doch die Möglichkeit, Wahnkranke automatisch zu erkennen, weckt auch Begehrlichkeiten an anderer Stelle: Überwachen, erkennen, wegsperren – das sind verlockende Gedanken für Sicherheitsbehörden.

Krisenprognose

Warum übertrumpft Künstliche Intelligenz die Ärzte? »Ich glaube, dass uns bei der Einschätzung der Patienten unser Wunschdenken im Weg steht«, sagt der Psychiater Nikolaos Koutsouleris, der an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität, am King’s College London und am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie arbeitet. »Patienten, die mit Hochrisikosymptomen auffallen, sind oft noch jugendlich. Und gerade bei diesen jungen Menschen hofft man sehr, dass sie zu der statistischen Mehrheit gehören, bei der das nicht schlimmer wird. Das tüncht die Analyse dann wohl zu rosig.«

Seine Annahme stützt eine Studie, die er gerade zusammen mit Kollegen im Fachmagazin JAMA Psychiatry veröffentlichte. Sieben Früherkennungszentren in fünf europäischen Ländern nahmen daran teil, fast 700 Probanden. Der Ansatz war immer derselbe: Wenn ein APS-Patient an der Studie teilnahm, sollte nicht nur ein Therapeut einschätzen, ob die Symptome bei ihm eine schwerere psychotische Krise ankündigten, sondern auch die Algorithmen einer vorher ebenfalls von Koutsouleris und Kollegen auf Krisenprognose trainierten Künstlichen Intelligenz. Jeder Fall wurde 18 Monate lang nachverfolgt. »Das Ergebnis hat uns selbst überrascht«, sagt Koutsouleris. Die KI halbierte die Zahl der falsch-negativen Diagnosen, von etwa 40 auf rund 15 Prozent – bis zu 85 Prozent der Teilnehmer, die Wochen oder Monate später ihre erste Wahnepisode erlebten, identifizierte sie richtig. Die Ärzte und Psychologen schafften nur 62 Prozent. »Das ist wirklich enorm bei dieser Frage, die auch für Früherkennungs-Spezialisten immer als besonders schwierig galt.«

Koutsouleris ist selbst einer davon. Er leitet eine Station für Jugendliche und junge Erwachsene, Patienten zwischen 16 und 25 Jahren. Es ist genau das Alter, in dem sich die meisten psychischen Erkrankungen erstmals ins Leben schleichen und Ärzte abschätzen müssen, wie es wohl weitergeht. Koutsouleris ist nicht nur Arzt, er kann auch programmieren und hat eine Forschungsabteilung für Neurodiagnostik aufgebaut. Seit 2009 arbeitet die Gruppe an dem Maschinenlernprogramm NeuroMiner. Man kann es mit Daten zu einem bestimmten Problem füttern. NeuroMiner lernt dann eigenständig, daraus die weitere Krankengeschichte zu erkennen. Indem das Programm die Datensets bekannter Patientenbiografien immer wieder miteinander vergleicht, wählen seine Algorithmen die besonders charakteristischen Unterschiede aus. Nach der ersten Lernschleife, wenn die ersten Prognose-Algorithmen stehen, gleicht es diese nochmal mit konkreten Fällen ab, um die Erkennungsprozesse weiter zu schärfen. Erst nach diesem mehrstufigen Lernprozess beurteilt die KI neue Fälle mit noch ungewissem Ausgang.

»Der Wahn kann die Realität völlig hinter einem Theater herumspukender Erinnerungen und falscher Verknüpfungen verschwinden lassen.«

Wie vielen Therapeuten ist Koutsouleris besonders daran gelegen, die prekäre Lage von Menschen mit Wahnerkrankungen zu verbessern. Koutsouleris beschreibt den Unterschied zwischen der Frühform APS und dem vollentwickelten Krankheitsbild wie zwischen dem zerstreuten Licht auf der Erde und dem Blick direkt in die brennende Sonne. Der Wahn zerwühlt das Denken bis in seine Grundfesten, kann die Grenzen zwischen Gedankenbahnen vollständig niederreißen und die Realität völlig hinter einem Theater herumspukender Erinnerungen und falscher Verknüpfungen verschwinden lassen.

Echte Menschen vermischen sich mit Außerirdischen oder Teufeln, aus dem inneren Gedankenstrom formen sich quäkende Stimmen, zusammenhanglose Einzelereignisse türmen sich zu großen Weltverschwörungen auf. Wer so heimgesucht wird, kann sich nicht mehr um seinen Alltag kümmern. Er wird ein Gejagter, der in der Stadt herumirrt, ständig auf der Suche nach Unterschlupf oder einem Ausweg.

Noch gefürchteter bei Patienten und Ärzten sind die so genannten Negativsymptome. Gefühle wie Freude, die das Leben erst lebenswert machen, können ins Nirgendwo verschwinden, die Welt liegt hinter einem inneren Eispanzer. Manche Kranken sitzen nur und starren ins Nichts, sind nicht mehr ansprechbar. Bei vielen Patienten gibt es Rückfall um Rückfall, der schwerer und schwerer wird, ein Leben lang.

Unter Zeitdruck

Die meisten Psychiater gehen heute davon aus, dass sich all das verhindern oder abmildern ließe, wenn sie eingreifen könnten, sobald die erste Wahnphase beginnt. »Viele Jugendliche ziehen sich ja zurück, sobald die Symptome stärker werden. Also fällt erst viel später auf, was mit ihnen los ist«, sagt Koutsouleris. Dann, wenn die Sonne schon ihre Brandspur hinterlassen hat.

Je später man die Behandlung beginnt, desto weniger aussichtsreich ist die Therapie. Gesprächsformate sind dann kaum noch möglich, und vor allem muss dann eine höhere Dosis der antipsychotischen Medikamente eingesetzt werden. Diese Medikamente greifen selbst stark in den Stoffwechsel der Nervenzellen ein, ihre Wirkung hat zwei Seiten. Einerseits dämpfen sie kurzfristig das Kopftheater. Langfristig erhöht aber vor allem eine hohe Dosierung das Risiko für einen Rückfall. Koutsouleris sagt: »Eine zuverlässige Früherkennung, das ist unsere Hoffnung, könnte solche Drehtüreffekte verhindern.«

Was die Vorhersage erschwert

Die KI macht eigentlich nichts weiter, als all das, was man inzwischen als Risikofaktoren für Schizophrenie ausgemacht hat, zusammenzuführen und mathematisch zu gewichten. Inzwischen sind sehr viele verschiedene Risikofaktoren bekannt. Eine biografische Anamnese bringt etwa Gewalterfahrungen in der Kindheit zutage, schizophrene Erkrankungen bei den Eltern oder den Gebrauch bestimmter psychoaktiver Substanzen. Sie alle erhöhen das Risiko junger Menschen, selbst zu erkranken.

Auch im Gehirn lassen sich Strukturen ausmachen, die für ein hohes Wahnrisiko sprechen – bestimmte Hirnregionen sind weniger ausgeprägt bei Menschen, die später eine Wahnerkrankung entwickeln. »Aber während man etwa bei Demenz sehr deutliche Volumenabnahmen sieht, die eine direkte Diagnose ermöglichen, sind es bei Schizophrenie und ähnlichen Erkrankungen nur wenige Prozent«, sagt Koutsouleris. Selbst für Radiologen seien so geringe Unterschiede kaum sichtbar.

Besonders feinteilig ist das genetische Risiko für Psychosen. Man kann es nicht an einzelnen Genen fest machen, sondern es sind viele kleine Veränderungen, die über das ganze Genom verteilt sind. Nur mit aufwendigen, genomweiten Screenings können die entsprechenden Muster erkannt werden.

Erst wenn verschiedene dieser Faktoren zusammenkommen, erkrankt ein Mensch. Die KI könnte auch deswegen besser bei den Vorhersagen sein, weil eine solche Feinkörnigkeit das menschliche Gehirn überfordert. Selbst erfahrene Mediziner oder Psychologen können die vielen Bruchteile nur schwer zu einem stimmigen Mosaik zusammenfügen.

»Keine Überwachung, sondern eine echte Hilfe«

Koutsouleris hofft, dass mit Hilfe der KI noch mehr Risikofaktoren bekannt werden – und dass ihr Einsatz bald über die Früherkennung hinausgehen wird. »Man könnte die Auswahl der Medikamente und ihre Dosierung viel individueller zuschneiden, um schädliche Wirkungen zu minimieren«, sagt er. »Ich könnte mir KI als ›Companion‹ vorstellen. Ein persönlicher, beschützender Vertrauter, der Menschen mit Psychose nach der Entlassung aus der Klinik an die Seite gegeben wird, sie im Alltag begleitet und merkt, wenn es wieder Anzeichen für eine psychotische Phase gibt. Dann könnte er seinen Besitzer aufmerksam machen, dass es wieder losgeht. Keine Überwachung, sondern eine echte Hilfe. Beide könnten zusammen entscheiden, wann ein Arzt eingeschaltet wird.«

Dass die maschinellen Analysen jetzt schon so gut funktionieren, weckt aber auch außerhalb der Kliniken Begehrlichkeiten. Sicherheitsbehörden werden aufmerksam. Denn Psychotiker sind nicht nur schwer krank, aus Perspektive der Polizei und der Gerichte stellen sie vor allem ein Risiko für die öffentliche Sicherheit dar. Spektakuläre Einzelfälle lassen auch die Öffentlichkeit aufhorchen: Im Sommer 2019 etwa hatte ein Mann am Frankfurter Hauptbahnhof ganz unvermittelt und ohne äußerlich ersichtlichen Grund ein fremdes Kind vor einen Zug gestoßen, das Kind starb. Später diagnostizierten Ärzte in der Untersuchungshaft bei ihm ein komplexes Wahnsystem – paranoide Schizophrenie.

Zu den typischen Teilnehmern des Kopftheaters gehören auch dunkle Mächte. Sie verfolgen die Kranken, verstecken überall Botschaften, legen Fallen aus. Die Mehrheit der Kranken, etwa 90 Prozent, bleibt trotz der auf sie einstürmenden Eindrücke friedlich. Aber der kleine Rest wehrt sich irgendwann gegen die vermeintliche Übermacht. Diese Minderheit ist tatsächlich für überproportional viele Gewaltdelikte verantwortlich – die bisher akkurateste Zählung aus dem Jahr 2006 hat das schwedische Strafregister untersucht: Pro 1.000 Menschen mit psychotischen Erkrankungen wurden der Studie zufolge innerhalb von 13 Jahren 215 Urteile wegen Gewalttaten gesprochen, die Delikte reichten von Beamtenbeleidigung bis Mord. Gerechnet auf die Gesamtbevölkerung wurden jedoch nur 45 von 1.000 Personen für eine Gewalttat verurteilt – nur etwa ein Fünftel.

Die richtigen Mittel, der falsche Zweck?

Für kundige Beobachter sind die Kranken auch bei flüchtigen Kontakten leicht zu erkennen, die abgeflachten Gefühle hinterlassen Spuren im Gesicht und in der Sprache, die Miene wird starr, die Stimme tonlos. Kriminologische Forschungsprojekte nutzen das aus: Künstliche Intelligenzen werden trainiert, diese Muster zu erkennen und die Kranken mit diesem Wissen buchstäblich von der Straße zu holen. Technisch ist es bereits möglich, aus Sprach- und Textnachrichten, die über Messenger-Dienste versendet werden, einen nahenden psychischen Dammbruch bei den Nutzern vorherzusagen. Indische Forscher veröffentlichten 2018 eine Arbeit, in der sie beschrieben, wie man Menschen mit Depressionen – auch eine Erkrankung mit abgeflachten Gefühlen – in der öffentlichen Videoüberwachung identifiziert. Die Software hinter dem sozialen Netzwerk TikTok verwendete 2019 ebenfalls Gesichtsmarker zur Identifikation von geistigen Veränderungen, als es in China die Reichweite für behinderte Nutzer drosselte – offiziell, um sie so vor Mobbing zu schützen.

»Ich sehe solche Tendenzen mit großer Sorge«, sagt Koutsouleris. »Das ist ein viel zu großer Eingriff in die Autonomierechte. Es nimmt unsere Patienten gegen genau die Technologie ein, die ihnen unter dem Schutz der ärztlichen Schweigepflicht helfen könnte. Vor allem ärgert es mich, weil es Ursache und Wirkung verdreht.«

»Frühtherapie ist die beste Prävention.«

Denn Menschen mit Schizophrenie werden auch deswegen immer kränker, erklärt er, weil viele bei Sozialangeboten und Krankenkassen durchs Raster fallen, weil therapeutische Interventionen seit Jahren eher gekürzt als erweitert werden. Gleichzeitig steigt in Deutschland auch die Zahl der sogenannten Unterbringungen an. Diese Zwangseinweisungen finden dann statt, wenn ein Mensch so stark die Kontrolle über sich verloren hat, dass er eine akute Gefahr für andere darstellt. Oder für sich selbst. »Frühtherapie ist dafür auch aus kriminologischer Sicht die beste Prävention«, sagt Koutsouleris. »Wir sollten Künstliche Intelligenz nutzen, um sie zu ermöglichen, nicht für die Überwachung in der Öffentlichkeit.«

 

* Unsere Autorin möchte nicht, dass wir ihren Text an unsere Genderstandards anpassen. Wir respektieren ihren Wunsch.

Text
Nike Heinen

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